Der Melder piept: „Beginnende Geburt“ – ein Einsatzstichwort, das selbst so manchen erfahrenen Präkliniker noch unruhig werden lässt. In der Klinik steht geburtshilfliches Fachpersonal meist zeitnah zur Verfügung, außerklinisch kann sich die Lage – je nach Einsatzgebiet – ganz anders darstellen. Zwar gibt es in vielen Bereichen mittlerweile Neugeborenen-Notfall-Teams oder einen Baby-Notarzt, nicht selten müssen diese Teams jedoch erst von einem Rettungswagen an der Klinik abgeholt werden. „Tief durchatmen“, sagt man sich dann, „das macht die Mutter intuitiv“ oder „das ging vor 100 Jahren ja auch irgendwie“ und schließlich ist die Lage vor Ort meist entspannt und die Geburt steht doch nicht unmittelbar bevor.

Insgesamt ist die Geburt im Rettungs- und Notarztdienst also ein seltener Einsatz, noch seltener ist es, dass man als präklinisches Team dabei mit Komplikationen konfrontiert wird. Wenn es aber so weit ist, dann gestaltet sich die Einsatzsituation schnell herausfordernd: Viele Einsatzkräfte haben, ungeachtet der Qualifikation, wenig Erfahrung mit Geburten, die entsprechenden Materialien hat man wenn überhaupt beim Fahrzeugcheck kurz in der Hand, ehe man sich versieht ist man mit zwei Patienten (Mutter und Kind) konfrontiert und das letzte Reanimationstraining bezog sich auch eher auf Erwachsene als auf die Neugeborenenversorgung. Was also tun?

Wir wollten ein Simulationstraining zu geburtshilflichen Notfällen und Neugeborenenversorgung durchführen, standen dann aber vor einem Problem: Dafür konzipierte High-Tech Simulationspuppen sind zwar auf dem Markt verfügbar, aber auch entsprechend teuer (ein Beispiel: Selbst der relativ einfach gehaltene „MamaNatalie“ Geburtssimulator von Laerdal, der sich vor den Bauch einer Darstellerin schnallen lässt, kostet bereits über 850 Euro, Preise für das Komplettsystem SimMom des gleichen Herstellers erhält man schon nur noch auf Anfrage). Die Anschaffung eines eigenen solchen Simulators für die breite Ausbildung z.B. an Rettungsdienstschulen im Rahmen der Notfallsanitäter-Ausbildung, ist dadurch schlicht unrealistisch.

Wir haben dennoch eine kostengünstige Lösung gefunden (und sie mittlerweile mit einer Klasse von angehenden Notfallsanitätern im dritten Lehrjahr sehr erfolgreich erprobt):

  • Im Internet fanden wir die frei verfügbare Nähanleitung zu „PartoPants“. Die PartoPants sind ein sehr einfach gehaltener Geburtssimulator, den man leicht aus einer ausrangierten XXL-OP-Hose und einem Stück elastischen Stoffs selbst nähen kann. Ein englischsprachiges Video zum Einsatz der Hose (mit einer anderen als der von uns genutzten Puppe) lässt sich hier auf YouTube finden. Die Vorteile aus unserer Sicht:
    • kostengünstig: das Material bekamen wir umsonst, der Aufwand beschränkte sich auf einen Abend an der Nähmaschine (keine Experten-Skills nötig)
    • geringes Gewicht und Packmaß, der Simulator lässt sich praktisch in der Handtasche transportieren
    • Hygiene: Die Simulationshose zieht die Darstellerin einfach über ihre normale Kleidung, nach dem Einsatz ist die Hose waschbar bis 90°C
    • realistisch: Auch wenn die Farbgebung (unser Modell ist OP-grün) nicht realistisch ist, kommt durch die Tatsache, dass in der Hose eine echte Darstellerin steckt, schnell ein sehr realistisches Simulationsempfinden bei den Teilnehmern auf. So lässt sich ein Fokus auch auf Kommunikation mit der Mutter und deren Monitoring und Versorgung legen (wir nutzen dazu in unseren Praxistrainings mit Schauspielpatienten generell einen Simulationsmonitor).
    • vielfältige Szenarien: Das Modell verfügt über Harnröhre, Vagina und Anus, sodass neben der Geburt auch die Kathetereinlage und die rektale Applikation von Medikamenten simuliert werden können. Abhängig von der verwendeten Puppe sind alle Kindslagen und Notfälle (z.B. Schulterdystokie) simulierbar.
    • Keine störanfällige Techik: Der Simulator funktioniert allein mit den Händen der Darstellerin, sodass keine technischen Probleme auftreten können
  • Als Puppe nutzen wir die NeoNatalie von Laerdal (hell- und dunkelhäutig verfügbar), für deren Anschaffung wir uns aus verschiedenen Gründen entschieden haben, vor allem aber weil sie mehr Features zur Neugeborenen-Versorgung bietet als einfache Neugeborenen-Puppen, wie sie z.B. als Schulungsbedarf für Hebammen erhältlich sind (dann ab ca. 50 Euro). Die Vorteile des Laerdal-Systems waren aus unserer Sicht:
    • Kostengünstig: NeoNatalie selbst kostet ca. 70 Euro, hinzu kamen in unserem Fall noch das „MamaNatalie Placenta Kit“ für ca. 40 Euro und der „Helm“ für NeoNatalie, der ihr ein festes Köpfchen mit tastbaren Fontanellen verschafft für ca. 130 Euro, alles in allem hat unser kompletter Simulator damit unter 250 Euro gekostet.
    • NeoNatalie funktioniert (wie die Simulationshose) komplett ohne störanfällige Technik, sie lässt sich Beutel-Maske beatmen (und berücksichtigt dabei auch die korrekte Kopfposition), gleichzeitig können über zwei kleine Gummiballons eine Spontanatmung und Puls simuliert werden – der Puls lässt sich dann sowohl an der Nabelschnur tasten als auch auskultieren.
    • Zusammen mit dem Placenta-Kit verfügt die Puppe über Nabelschnur und Placenta, sodass auch das Abnabeln simuliert werden kann und die Placenta als „vollständig“ bzw. „unvollständig“ dargestellt werden kann.
    • Auch NeoNatalie ist im entleerten Zustand extrem leicht und klein zu verpacken, zur Benutzung wird sie dann mit körperwarmem Wasser gefüllt und fühlt sich dadurch auch noch überraschend realistisch an.
    • NeoNatalies Körper ist flexibel, so dass sich Arme und Beine entsprechend modellieren lassen anstatt wie bei einer Puppe mit steifen Plastikarmen unverändert durch den Geburtskanal gezogen zu werden
    • Nicht zuletzt freuen wir uns über die GlobalHealth Initiative von Laerdal, laut der für jedes gekaufte System eines im Rahmen der „Helping Babies Breathe“ Initiative zur Ausbildung von Geburtshelfern in einkommensschwachen Ländern durch die Firma gespendet wird.

Zusammenfassend glauben wir, dass die Kombination aus der PartoPant und einer kostengünstigen Simulationspuppe wie z.B. der von uns verwendeten NeoNatalie von Laerdal eine einfache, leicht zu transportierende und vor allem extrem kostengünstige und damit zur Breitenausbildung taugliche Lösung darstellt, um verschiedenste geburtshilfliche Notfälle als wertvolle Lernerlebnisse simulieren zu können. Über Feedback (auch zu anderen Simulationsmöglichkeiten in dieser Hinsicht) würden wir uns freuen.

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Es besteht kein Interessenkonflikt. Insbesondere haben wir keinerlei Leistungen oder Rabatte der Firma Laerdal erhalten und betonen an dieser Stelle ausdrücklich, dass andere Systeme selbstverständlich äquivalent verwendet werden können. 

Veröffentlicht von ahueb

Medizinstudentin, Pflegende, Blaulichtfahrerin mit besonderem Faible für (prähospitale) Notfallmedizin, Pädiatrie, POCUS, CRM, Simulation und Lehre.

One Comment

  1. […] Hübner von dasfoam hat ebenfalls einen genialen Artikel zur geburtshilflichen Simulation verfasst. Lesenswert! Domagoj Damjanovic (auch von dasfoam) hat diesen brillianten POCUS Simulator […]

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