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Ertrinken – jetzt oder nie! Der Mythencheck.

Samstagnachmittag. Extrem stressiger Dienst auf dem Land mit bisher zwei Einsätzen in neun Stunden für die NEF-Besatzung. Vor lauter Anstrengung fallen Notärztin und Rettungsassistent die Augen zu, als der Melder geht: „Notfall Kind, Ertrinken, Nefso“. Erstaunlich schnell sprinten zwei rote Leute zu einem schon etwas älteren roten Auto und fahren mit einem unbehaglichen Gefühl (und Quietschgeräusch) um die nächste Kurve.

Bei Ankunft steht eine junge Mutter mit Kleinkind auf dem Arm am Straßenrand und winkt eifrig. Der kleine Jeremy-Pascal (3) habe im Garten der Großeltern gespielt und sei dann ins Plantschbecken gefallen, der Oppa hätte ihn wieder rausgezogen. J.-P. mustert vom Arm der Mutter aus interessiert die Rettungsdienstler, ist nicht tachydyspnoeisch oder aufgeregt. Im Rettungswagen zeigen sich zum nassen, aber sonst klinisch völlig unauffälligen Kind auch noch völlig unauffällige Vitalparameter, die Lungen sind beidseits frei, ohne Obstruktion, Rasselgeräusche oder sonstiges. Nachdem der Kleine einen Teddy aus einer Schublade des RTW bekommen hat, geht die Fahrt ins Krankenhaus los.

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Hypertensiver Notfall – red flags

Es gibt wohl Verwirrung, also hier noch mal für alle als Einleitung:

Es! Gibt! Keine! „Hypertensive Krise“! in der Notfallmedizin. 

Es taucht aus traditionellen Gründen immer wieder mal auf, von daher wird der Ausdruck auch genutzt. Aber schon die „alten“ (von 2013) Leitlinien der ESC zur arteriellen Hypertonie sagen klar, dass das KEIN Notfall ist. In der deutschen Version/Kommentar taucht der Ausdruck nicht mal mehr auf. Also: bitte nicht mehr. Nun aber zum eigentlichen Thema. 

Dass hoher Blutdruck kein Verbrechen ist und grundsätzlich keiner akuten Senkung oder Behandlung bedarf, sollte sich mittlerweile rum gesprochen haben. Auch weiterhin bekommen wir trotzdem Busladungen an besorgten Patienten von Notärzten gebracht, die ihren Patienten einreden, dass sie davon sterben könnten, wenn sie sich nicht unbedingt jetzt und sofort behandeln lassen würden. Dass dies mehr Komplikationen macht als hilft, ist diesen Werbeverkaufsveranstaltungen für das ärztlich besetzte Rettungsmittel nicht bei zu bringen. Außerdem ist es ja dann nicht mehr deren Problem, sondern das der Mitarbeiter in der Notaufnahme – die dann dem verdutzten Patienten erklären müssen, warum sie jetzt von der Liege absteigen dürfen und das Taxi nach Hause selbst bezahlen müssen.  Read More

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Geheimnis – revisited

Vor einem Jahr haben wir unsere Seite mit diesem Artikel online geschaltet. Auch heute noch ist dieser Artikel – gerade angesichts der Grippewelle und der teils dramatischen Zuständen in den Krankenhäusern – hochaktuell. Zeit und Anlass dafür ihn leicht zu überarbeiten.

Immer noch ersetzt die Notaufnahme nicht den Hausarzt. Klingt komisch, ist aber wirklich so.

Wofür ist die Notaufnahme dann überhaupt zuständig? Read More

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Hyperkaliämie und NaCl 0,9% – ein Mythos geht zu Ende

Jeder von uns hat sicher schon einmal erlebt, wie bei Patienten mit Hyperkaliämie panisch die Infusion mit Vollelektrolytlösung gestoppt und gegen isotonische Kochsalzlösung ausgetauscht wurde, unter der Annahme, dass eine kaliumhaltige Lösung alles nur noch schlimmer machen würde. Zu diesem Mythos, hauptsächlich Bezug nehmend auf Ringer-Laktat, äußerte sich Josh Farkas bereits 2014 und aufgrund der Tatsache, dass es sich hierbei um ein essentiell wichtiges Thema mit immer wiederkehrenden Fragen handelt, möchte ich euch diesen Post, erneut als kommentierte Transkription und in Vorarbeit zum versprochenen BRASH-Syndrom nicht vorenthalten – wie immer mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Woher kommt der Mythos?

Ringer-Laktat hat eine Kaliumkonzentration von 4 mmol/l, wohingegen die Kaliumkonzentration von NaCl 0,9% gleich Null ist. Kommentar: Der Wert von 4 mmol/l (4 mEq/L entspricht 4 mmol/l) scheint mir eher für den amerikanischen Markt zuzutreffen [drugs.com, Wikipedia], die mir vorliegenden Produktinformationen bezogen auf den deutschsprachigen Markt geben hier vielmehr ein 5-5,4 mmol/l an [Baxter, Fresenius, Hartmann B. Braun, Serag-Wiessner, Wikipedia]. Dies führte zur der allgemeinen Ansicht, dass Ringer-Laktat bei Patienten mit Hyperkaliämie vermieden werden sollte. Mir war es nicht möglich irgendeine Evidenz zu finden, ob Ringer-Laktat tatsächlich eine Hyperkaliämie verursachen oder gar verschlimmern kann. Die Angst vor Ringer-Laktat bei Hyperkaliämie scheint vielmehr theoretischer Natur zu sein, allein bedingt durch die Tatsache, dass Ringer-Laktat Kalium enthält.

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Adrenalin vs. Atropin bei bradykardem Periarrest

In zahlreichen Situationen muss sich die oder der Behandelnde zwischen mehreren medikamentösen Optionen entscheiden, um in kurzer Zeit das Beste für den Patienten herauszuholen. Da Patienten in der Regel komplexer gestrickt sind, als in vielen Leitlinien berücksichtig werden kann, ist es sinnvoll bereits im Vorfeld diverse Strategien bereit zu haben und mit den theoretischen Vor- und Nachteilen vertraut zu sein. Dementsprechend bin ich vor einiger Zeit auf einen tollen Beitrag des immer lesenswerten Josh Farkas von PulmCrit gestoßen, den ich euch hier gerne mit freundlicher Genehmigung des Autors als freie, kommentierte Übersetzung näherbringen möchte. Read More

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Erst essen, dann entscheiden …

Ärzte sind ja rationale Menschen.

Wir entscheiden nach den Daten, die wir erheben, an Hand der Resultate von Untersuchungen und der Befunde und Anamnese, die wir erhoben haben. Alle Patienten sollen die gleiche, gute Behandlung erfahren, wie alle Anderen auch. Ich gebe mir auch jeden Fall Mühe, so gut und so rational wie möglich bei Diagnostik und Therapie zu handeln. Genauso verfahre ich auch nach der Indikation zu stationären Aufnahme oder ambulanten Entlassung oder Untersuchung an Großgeräten. Entscheidend ist die medizinische Indikation an Hand rationaler Kriterien. Das wird unterstützt durch Leitlinien, SOP’s, Empfehlungen von Fachgesellschaften und so weiter und hilft innerhalb robuster Leitplanken sicher richtig zu entscheiden. Read More

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Es war einmal eine sehr alte Faustregel…

… die besagte, dass der systolische Blutdruck sich über die Tastbarkeit von Pulsen abschätzen ließe. Diese Lehraussage kam aus der ersten Edition des ATLS-Konzepts von 1985, bereits seit 1991 (hier widersprechen sich die Quellen, aber die Quintessenz ist: seit Langem!) wurde die Faustregel aus den offiziellen ATLS-Lehraussagen entfernt. Trotzdem hält sich die Behauptung mehr als 30 Jahre später noch immer hartnäckig in der Ausbildung von notfallmedizinischem Fachpersonal aller Berufsgruppen. Zu Recht?

Laut der besagten Faustregel liegt der systolische Blutdruck angeblich…

… bei tastbarem Radialispuls mindestens bei 80 mmHg

… bei fehlendem Radialis-, aber tastbarem Femoralispuls mindestens bei 70 mmHg

… bei tastbarem Carotispuls, aber ansonsten fehlenden Pulsen mindestens bei 60 mmHg.

Zwei Studien haben diese Regel untersucht:

1. „ATLS Paradigm Fails“, Poulton, T J. 1988. Annals of emergency medicine

Bereits 1988 untersuchten die Wissenschaftler um TJ Poulton den Blutdruck bei (leider nur) 20 hypovolämen Traumapatienten mittels NIBP-Messung. Das Ergebnis:

  • Bei 5 von 20 (25%) der Patienten wurde der Blutdruck mit der ATLS-Faustregel zutreffend eingeschätzt
  • Bei 10 von 20 (50%) der Patienten wurde der tatsächliche Blutdruck von der Faustregel überschätzt, er war also niedriger als erwartet
  • Am weitesten lagen Überschätzung durch die Faustregel und Wirklichkeit bei den Patienten auseinander, die die niedrigsten Blutdruckwerte aufwiesen
  • Die mittlere (!) Differenz zwischen erwartetem und tatsächlichem Blutdruck lag bei 34 mmHg.

Die Autoren schlussfolgern daraus, dass die ATLS-Faustregel schlicht ungültig sei, da auch schwer hypotensive hypovolämische Patienten häufig tastbare Radialispulse aufwiesen.

2. „Accuracy of the ATLS guidelines for predicting systolic blood pressure using carotid, femoral, and radial pulses: observational study.“, Deakin and Low, 2000. BMJ (clinical research ed.)

Deakin und Low nahmen sich im Jahr 2000 noch einmal des Problems an, indem sie bei (leider ebenfalls nur) 20 Patienten mit hypovolämischem Schock die arteriell (invasiv) gemessenen Blutdrücke mit den von verblindeten Untersuchern gefühlten Pulsen verglichen. Dabei stellten sie fest, dass die Pulse tatsächlich in der erwarteten Reihenfolge (Radialis- > Femoralis- > Carotispuls) verschwanden, je weiter sich der Patient verschlechterte. Allerdings stellten sie auch fest, dass:

  • 83% (10/12) der Patienten mit tastbarem Radialispuls einen Blutdruck von weniger als 80 mmHg systolisch aufwiesen
  • 83% (10/12) der Patienten mit fehlendem Radialis-, aber tastbarem Femoralispuls einen Blutdruck von weniger als 70 mmHg aufwiesen
  • Kein einziger Patient (0/4), bei dem nur noch der Carotispuls tastbar war, einen Blutdruck von mindestens 60 mmHg systolisch hatte
  • 67% (2/3) der Patienten, bei denen gar keine Pulse mehr tastbar waren, noch einen messbaren Blutdruck von syst. < 60 mmHg aufwiesen

Ihr Fazit: Die Faustregel sei zu ungenau und überschätze generell den tatsächlich vorliegenden Blutdruck.

Was bleibt also übrig?

Beide Studien haben nur sehr wenige Patienten eingeschlossen. Trotzdem wurden sie von verschiedenen Autoren unabhängig voneinander mit verschiedenen Methoden (NIBP vs. arterielle Messung) durchgeführt, die beide zum gleichen Ergebnis kamen: Mit der Faustregel wird der Blutdruck des Patienten (oft gefährlich) überschätzt, eine sinnvolle Abschätzung ist damit nicht möglich. ATLS hat die Regel vor langer Zeit aus seinen offiziellen Lehraussagen entfernt – es wird Zeit, dass wir alle das auch tun.

Dieser Post ist eine freie Übersetzung der von Salim Rezaie auf rebelem.com veröffentlichten Zusammenfassung der Studienlage zu diesem interessanten Thema. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Originalautors.