Übersetzung von Iain Beardsells Vortrag auf der AGN2016, veröffentlicht am 1.April 2016

iain

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich wurde gebeten heute zu Ihnen zu sprechen und es ist mir eine große Ehre dies zu tun. Ich heiße Ian Beardsell und bin als Notfallmediziner in Southampton in Großbritannien tätig. Ich arbeite dort als Klinikdirektor. Ich bin auch als Notarzt in der Luftrettung der Region Hamphire und Isle of Wight tätig.

Für diejenigen von Ihnen, die noch nicht in Großbritannien waren, und die sich nicht sicher sind, wo Southampton liegt – es ist eine relativ große Stadt an der Südküste mit einem überdurchschnittlichen Fußballteam.

Ich wurde gebeten mit Ihnen heute über Online Bildung und insbesondere FOAMed zu sprechen. Nur mal so aus Interesse – wer von Ihnen hat schon mal was von FOAMed gehört?

Soziale Medien sind in den letzten Jahren omnipräsent geworden. 974 Millionen Menschen nutzen Twitter und über 1 Milliarde Menschen haben einen Facebook Account. Aber soziale Medien sind nicht nur diese zwei Riesen. Mit sozialen Medien gehen alle möglichen Seiten und Apps einher.

Nun, für den Arzt kann der Begriff, soziale Medien ein wenig ein Abturner sein. Wer will nach all dem schon wissen, was der frühere Governor von Californien plant?

Es war im Jahre 2012, kurz vor einer Rede auf der internationalen Konferenz über Notfallmedizin in Dublin. Mike Cadogan, ein Notfallmediziner aus Australien und eine Gruppe gleich gesinnter Freude, dachten sich bei einem Pint Guiness den Namen den Namen “FOAMed” – Free. Open Access.  Meducation oder medizinische Bildung aus.

Sie könnten nun fragen, warum FOAMed und nicht FOAM. Nun, wenn Sie das Wort FOAM googeln, dann sehen Sie eine Menge Dinge so wie dieses (( Bierglas mit Schaumkrone wurde im Vortrag gezeigt)) . Es ist es also FOAMed.

Was ist FOAMed? Und wodurch unterscheidet es sich von den “traditionellen” Formen des Lernens? Nun das Wichtigste, was ich Ihnen heute mitgebe, ist dass FOAMed nicht ein Ersatz für Lehrbücher, Vorträge oder Unterricht am Patientenbett ist. Es ist ergänzend. Eine andere Ergänzung zu unserem Lernarsenal.

FOAMed in 2 grundlegende Kategorien unterteilt : Blogs und Podcasts.

„Blogs” kommt von dem Begriff „weblog”.  Wenn man über die Zeit der sozialen Medien nachdenkt, dann stellt man fest, dass es in den letzten 5 Jahren zu einer Explosion der Zahl der Blogs im Internet gekommen ist und das diese sich mit allen möglichen Dingen beschäftigen. Das Internet ermöglicht Individuen über alles und jedes zu schreiben und dies zu veröffentlichen. Man muss seine Arbeit nicht mehr bei einer Zeitschrift oder Zeitung einreichen. Man kann sie innerhalb von wenigen Sekunden hochladen und die ganze Welt kann dies lesen. Das bedeutet natürlich dass die Qualität unterschiedlich sein kann. Aber in der Notfallmedizin haben wir sehr viel Glück, weil wir die Messlatte sehr hoch gesetzt haben, indem wir einige exzellente Blogs von anerkannten Lehrern veröffentlicht haben. Viele dieser Seiten haben ein eigenes internes Peer Review System. Man sollte immer daran denken, dass man in einem gewissen Maße vorsichtig sein sollte, weil nicht alles was man liest, auch wahr ist.

Podcasts sind nur die Audio-Version eines blogs. Manchmal hört man nur einen einzigen Moderator, manchmal eine Konversation.

Nun einer der Hauptgründe, warum ich heute hier zu Ihnen spreche, ist der, dass ich an einem Blog und einem Podcast mit dem Namen „St Emlyns” beteiligt bin. Wir produzieren blogs und Podcasts über alle möglichen Themen aus der Notfallmedizin.

In den letzten Jahren ist die Zahl der notfallmedizinischen Blogs und Podcasts exponentiell gewachsen. Diese gibt es in allen möglichen Sprachen und aus vielen verschiedenen Ländern.

Eine Frage über die sich die Leute Sorgen machen ist die Frage, welcher von diesen Seiten man vertrauen kann. Woher weiß man, dass das, was man liest, nicht nur eine Anhäufung von Müll ist?

An dieser Stelle möchte ich Sie bitten, sich daran zu erinnern, wer Sie sind. Sie sind das oberste eine Prozent unserer Generation. Die hellsten Sterne am intellektuellen Firmament. Nicht jeder kann eine medizinische Schule besuchen. Sie haben auf alles, was Sie tun ein kritisches Auge. Sie sind Wissenschaftler, denen man beigebracht hat, zu hinterfragen und nicht blind zu akzeptieren. Sie können entscheiden, was Qualität ist und was nicht. Vergessen Sie nicht, dass wir dies immer beim traditionellen Unterricht am Krankenbett tun – woher wissen Sie, das der Kram, den Ihnen der Chefarzt am Patientenbett erzählt, wahr ist? Wie ist es hier auf dieser Konferenz – akzeptieren Sie blind alles, was Ihnen gesagt wird? Natürlich nicht – Sie überlegen es sich, denken darüber nach, sehen sich andere Quellen an und kommen dann zu Ihren eigenen Schlussfolgerungen.

Nun bevor ich weitermache, möchte ich, das Sie darüber nachdenken, wie wir lernen. Was treibt uns dazu den Kopf in ein Lehrbuch zu stecken, einen Kollegen zu fragen oder zu googeln? Ich habe diese Frage britischen Ärzten einige Male gestellt und bekam immer ähnliche Antworten. Ich bin mir sicher, dass Sie auch andere Antworten geben können.

Das, was allen Antworten gemeinsam ist, ist dass sie zeigen, dass Sie reaktiv sind. Sie reagieren auf eine Situation. Oft keine angenehme Situation. Ich möchte nun beschreiben und diskutieren, wie wir mit FOAMed von einem reaktiv Lernenden zu einem proaktiv Lernenden werden. Lernen zu unserer eigenen Freude, zur Verbesserung, fast schon zum Vergnügen.

Wir sind viel beschäftigte Leute und wir können nicht immer zur gleichen Zeit lernen.  FOAMed gibt uns die Möglichkeit des sogenannten „asynchronen“ Lernens. Zu den Zeiten zu lernen, die unser Leben ermöglicht. Vielleicht hören Sie einem Podcast zu, wenn Sie mit Ihrem Hund spazieren gehen oder Sport treiben oder Sie lesen einen blog während einer Teepause. Und das Ganze ist auch leicht von Ihrem Smartphone oder Telefon aus möglich.

Wir können FOAMed auch für den sogenannten „flipped classroom“ nutzen. Auch hier ist der Lernende proaktiv und hört einen Podcast oder liest einen Blog noch vor dem offiziellen Unterricht. Wenn die Gruppe dann zusammenkommt, dann kann man das Thema noch vertiefend ergänzen.

Nun, wie können wir noch einen weiteren Schritt gehen? Natürlich können Sie Ihre liebsten Blogseiten auf neue Inhalte hin überprüfen aber es gibt Dinge, die Ihnen helfen. Die meisten Seiten haben einen RSS feed oder einen e-mail alert. Damit erfahren Sie, wenn etwas Neues gepostet wird. Twitter ist mein Favorit um neue Dinge zu entdecken.

Nun, wie ich vorhin schon gesagt habe, alle möglichen Leute nutzen Twitter für alle möglichen Dinge.  Notfallmediziner nutzen dies, um viele klinische Themen zu diskutieren. Der Schlüssel um Twitter für die Bildung zu nutzen, liegt darin den richtigen Leuten zu folgen. Weltweit haben ähnlich denkende Lehrer und Kollegen sich hier etwas zu sagen. In der Notfallmedizin gibt es einige wenige „high flyer“. Aber sobald Sie hier selber eintauchen, werden Sie mehr finden. Sie müssen keine „tweets“ posten , wenn Sie nicht möchten. Aber sobald Sie damit vertrauter sind, werden Sie merken, dass dieses Interagieren Teil des Spaßes ist.

Ein anderes wesentliches Merkmal von FOAMed ist die Fähigkeit damit immer up to date zu sein. In den alten Tagen war es so, dass man etwas Neues erst lernen konnte, wenn es veröffentlicht war. Dann musste man dies in einer online Bibliothek suchen, lesen, durchdenken oder in einer Gruppe besprechen. FOAMed hat das alles auf den Kopf gestellt.

Denken wir mal an das letzte Beispiel: die kürzlich veröffentlichten Konsensus Richtlinien zur Sepsis. Sepsis 3.0.

Die neuen Definitionen wurden in der Zeitschrift JAMA am 24. Februar veröffentlicht. Noch vorher hatten sich die zwei ausgezeichneten Podcaster Jeremy Faust und Lauren Westafer eine Kopie dieses Papiers besorgt und nahmen ein Podcast auf, in welchem Sie über die wichtigsten Dinge sprachen. Und das wurde noch vor dem Papier veröffentlicht! Die Konversation ging los. Die weltweite Community trat miteinander in Kontakt und lernte zusammen. Blogs wurden geschrieben, mehr Podcasts aufgenommen, Tweets geschickt und darauf geantwortet. In Scott Weingart`s Podcast beantworteten zwei der Hauptautoren – international sehr geachtete Forscher – Fragen, die in Blogs und auf Twitter gestellt wurden. In den alten Tagen benötigte dieser Transfer von Wissen mehr als 10 Jahre und nun geschah es innerhalb von Tagen.

Wie ich vorhin schon gesagt habe, müssen Sie mit all diesen online Ressourcen so umgehen, wie mit jedem anderen Papier. Sie müssen das Material kritisch überprüfen und alle guten Podcasts werden Sie ermutigen das Papier selber zu lesen. Sie können sich Ihre eigene Meinung bilden, aber es gibt clevere Leute, die Ihnen helfen. Und darüber hinaus werden Sie proaktiv Lernende.

Was außer Bildung bringt FOAMed noch mit sich?  Es ist das Gefühl einer Gemeinschaft. Wo auch immer in der Welt Sie sind, Sie sind mit ähnlich denkenden Leuten verbunden. Alle haben ähnliche Ziele – die Besten zu sein, die sie sein können und sich großartig um das Wohl der Patienten zu sorgen.

((Der Autor verwies noch auf das Treffen der EuSEM in Wien (2016)  und die FOAM-Party.))

Das ist das übersetzte Manuskript der Rede von Iain Beardsell, die er in Österreich beim AGN 2016 hielt.

Den Originalvortrag kann man hier hören:

http://stemlynsblog.org/foam-or-froth-docib-agn2016

Die Macher von St. Emlyn`s haben mir die Erlaubnis erteilt, das Material für das deutsche FOAM zu übersetzen und dort zu veröffentlichen.

Jovanka Blunk

Veröffentlicht von Jovanka Blunk

Emergency Medicine enthusiast.

One Comment

  1. […] PS: Ein sehr guter Artikel zum Thema FOAMed ist übrigens im Blog dasFOAM erschienen… Neues aus St. Emlyn`s: Die Zukunft der notfallmedizinischen Ausbildung im sozialen Zeitalter […]

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