Heute haben wir ein kleines Schmankerl für euch. Vor nicht all zu langer Zeit hatten wir ja die Geschichte mit dem Geschirrspül-Artefakt im LZ-EKG, das täuschend echt eine VT imitiert hat. Heute haben wir wieder einen Patient, der auch beim Notarzt „angeblich“ eine Breitkomplextachykardie geboten hat. Aber es wurde nicht dokumentiert.

Und wenn ihr nur das aus unserem heutigen Beitrag mit nehmt, bin ich schon glücklich: alle Arten von Rhythmusstörungen müssen dokumentiert werden! Ausdrucken, was der Drucker her gibt, und am besten ein 12-Kanal-EKG. Beschreiben hilft dem Patienten nicht weiter.

Zurück zum Fall: der Patient selbst gibt an, dass er immer wieder Herzrasen habe und das auch spüre. Den Notarzt hatte er eigentlich alarmiert, weil er über Brustdrücken geklagt habe.

Wie bei jedem Brustschmerz- und Herzrhythmusstörungs-Patienten wird er nach Übvergabe sofort in die Überwachung genommen und ein EKG geschrieben. Das erste zeigt nix, aber recht zügig kommt eine Episode, die ihr versucht einzufangen.

Und was sehen wir?

vt 1

Irgendwie sehen wir viel, aber ein Haufen komische Sachen. Also der Reihe nach, wie es sich für eine gute Befund gehört. (Leider ist mir der Ausdruck der Brustwandableitungen abhanden gekommen, aber das ist für unseren Fall hier eher sekundär…)

Es beginnt mit einer Breitkomplextachykardie (Rechtstyp) und geht dann über in eine Tachykardie mit kleinerer Amplitude. Und wenn wir uns den Lagetyp der zweiten Tachykardie anschauen, werden wir merken, dass die Ableitung III isoliert einen Sinusrhythmus zeigt ohne die Ausschläge weiter zu spielen.  Das bringt und schon auf die richtige Fährte, zum einen erkennen wir wieder die kleinen Zacken des QRS-Komplexes in der vermeintlichen Tachykardie, außerdem läuft der Rhythmus ohne Störungen in III ja auch durch. Das gibt uns auch den entscheidenden Hinweis: passend dazu hat der Patient einen idiopathischen Tremor in der rechten Hand (die wir ja für die Ableitung III als einzige nicht brauchen).

By Npatchett (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

Jetzt bleibt also die Tachykardie am Anfang unseres EKG-Ausdrucks übrig. Und auf weiteres Nachfragen gibt der Patient an, das kenne er schon seit 20 Jahren, das ginge los, das spüre er immer und dann wäre es wieder vorbei. Aktuell würde es halt häufiger auftreten.

Diese Anamnese passt gut zu einer monomorphen Kammertachykardie aus dem rechtsventrikulären Ausflusstrakt, was auch kongruent zu unserem EKG ist. Also weiter zu unseren rhythmologischen Kollegen und Evaluierung bezüglich einer Ablation. Also viel Aufregung um eine relativ harmlose Diagnose, und der Notarzt hatte retrospektiv recht, konnte es aber nicht nachweisen.

Quellen:

„DAS EKG“. Das Buch heißt wirklich so und ist auch so gut wie sein Name verspricht. (Marc Gertsch, Das EKG – Auf einen Blick und im Detail, 2. Auflage, Springer 2009)

https://lifeinthefastlane.com/ecg-library/rvo/

https://www.escardio.org/Journals/E-Journal-of-Cardiology-Practice/Volume-8/How-to-recognise-and-manage-idiopathic-ventricular-tachycardia

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von felixlorang

EM Doctor and murse, cardiologist. Ultrasound buff, three daughters, heart attack in the making. Meine Meinung repräsentiert nicht meinen Arbeitgeber, ich bin hier aus Überzeugung, aber nicht notwendigerweise im Recht.

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