Zugegebenermaßen ist die Bestimmung des Blutalkohol sicher zuverlässiger, aber gibt es nicht Situationen, in denen wir sofort wissen wollen, ob ein Patient nicht mehr reagiert, weil er sturzbetrunken ist oder ob wir sofort ein CT brauchen? Gerade bei traumatischen Patienten wird ein Betrunkener sicher schneller ein CCT bekommen als ein nüchterner Besucher der Notaufnahme. Noch entscheidender ist das natürlich bei pädiatrischen Patienten. Allerdings gibt es immer wieder Fälle, wo man den klinischen Verlauf abwarten könnte, und der Alkoholspiegel uns einen wichtigen Hinweis darauf liefern könnte, dass diese Vorgehensweise vertretbar ist.

Dafür habe ich mal zwei Fälle mit gebracht, die mir im dasHOSPITAL auch genauso passiert sind. Beide allerdings mit unterschiedlichen Konsequenzen.

Fall 1: 13-jähriges Mädchen ist zu Besuch bei Freunden, dort trübt sie immer wieder ein und erbricht. Auf dem Weg ist sie mit dem Fahrrad gestürzt und hat eine Schramme an der Schläfe. Kein Foetor, keine ausreichenden Schutzreflexe. Klare Geschichte, Voll-Versorgung der jungen Patientin und ab ins Zentrum.

Fall 2: 14-jähriger Junge hat Stress mit der Freundin und geht auf sein Zimmer. Wenige Stunden später wird er bewußtlos aufgefunden, hatte vorher noch über Bauchschmerzen geklagt, aber aktuell ohne Reaktion auf Schmerzreize, Schutzreflexe schon gleich gar nicht. Auch er wird komplett versorgt und in ein Zentrum gebracht.

Der Fall 1 ist vermutlich relativ einfach: auch wenn erst 14 und Mädchen, bei Vigilanzminderung, Trauma und möglicherweise interventionsbedürftiger Pathologie muss ein CCT gefahren werden. Hier hilft uns der Alkoholspiegel nur sehr begrenzt weiter. Klar, wenn sie Promille hatte (in diesem Fall 1,4 %o im Blutalkohol), wird ihre Bewusstseinseintrübung zwar erklärt, aber wir haben mit der Traumafolge doch einen deutlichen Hinweis darauf, dass es auch einen anderen Grund für die Bewußstseinstrübung geben könnte. Also: MRT oder CCT, je nach Verfügbarkeit.

Fall 2 wird da schon interessanter. Es gibt keinen Hinweis auf Alkohol vor Ort, das wird zumindest so vom Notarzt übergeben. Auch konnten keine Tabletten oder andere Drogen gefunden werden. Beim besten Willen auch sonst keine Hinweise, kein Sturzgeschehen, keine positive Familienanamnese (familiäre Migräne, Gefäßmalformationen wie Moyamoya oder ähnliches), kein Hinweis darauf, was es jetzt letztendlich sein könnte. Klar gibt es einen Blutalkoholtest, aber hier möchte ich ziemlich sofort wissen, ist der Kurze besoffen oder haben wir ein anderes Problem. MUSS ich das CT machen, oder könnte ich auch einfach 1-2 Stunden mit vertretbarem Risiko abwarten? Und hier würde ein Atemalkoholtest weiter helfen, auch wenn es natürlich nicht absolut sicher beweisend wäre. Es bliebe immer noch eine Risikoabschätzung, würde aber in der Notfallsituation doch eine Tendenz erlauben.

Einmal den MacGuyver auspacken und schon wissen wir was wir brauchen:

  • Beatmungsbeutel
  • Klemme (breit genug für den Tubus)
  • Alkomat mit Mundstück
  • Gänsegurgel
  • festes Pflasterband

Oft passt das Mundstück nicht direkt an den Tubus/Gänsegurgel, aber mit etwas Fingerfertigkeit (sprich: Gewalt) und Einsatz von Klemme und Schere kommt man da weiter. Dann mit Pflasterband luftdicht verkleben und fertig ist der Tubus-Alkomat-Adapter. Und da sich das ja kein Mensch vorstellen kann, hier ein Bild:

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Übernahme der Beatmung über den Beatmungsbeutel (oder Inspiration-hold am Beatmungsgerät) und einmal etwas Überblähen und in der Inspiration halten, Klemme an den Tubus (damit keine alkoholgeschwängerte Atemluft raus kann) und den Adapter mit Alkomaten an den Tubus anschließen. Ganz wichtig: Alkomat rechtzeitig einschalten und wenn bereit: Klemme lösen. Dem ganzen noch etwas mit Thoraxkompression (mit Gefühl, nicht diese CPR-Technik) nach helfen und schon haben wir ein Ergebnis:

2,4 %o

Ein junger Mensch ohne weitere Hinweise auf eine andere Genese ist schutzreflextechnisch bei dieser Promillezahl sicher überfordert und wir haben eine hinreichende Erklärung für seine Symptomatik. Keine 100%ige Sicherheit, aber das wollen und schaffen wir ja nicht. Wir ersparen dem Patienten ein CCT und uns viel Stress, ab auf die pädiatrische Intensiv und Rausch ausschlafen lassen.

Wie immer gilt: der Einzelfall entscheidet, die genannten Empfehlungen sind ohne Gewähr, die Verantwortung liegt bei der behandelnden Ärztin bzw. dem behandelnden Arzt. Wie alle unsere Artikel behandelt auch dieser eine notfall- bzw. akutmedizinische Situation, nicht die Versorgung auf Station oder in der Hausarztpraxis.

 

 

Posted by felixlorang

EM Doctor and murse, cardiologist. Ultrasound buff, three daughters, heart attack in the making. Meine Meinung repräsentiert nicht meinen Arbeitgeber, ich bin hier aus Überzeugung, aber nicht notwendigerweise im Recht.

2 Comments

  1. Es scheint, als hätte jemand eine tolle Idee gehabt. ???Meines Wissens nach war der Atemalkoholtest beim Fall 2 negativ und außerdem ist mir sehr schleierhaft wieso es aus der „Lunge“ nach Alkohol riechen sollte?

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    1. cool, da denkt jemand der Atem-Alkohol-Test wird aus … wart mal … nicht der Lunge gemacht. sondern?

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