(Übersetzung) 

Autor: Professor Simon Carley, Veröffentlicht: 07. Februar 2017

Es ist ein besonderes Jahr für die Notfallmedizin in Großbritannien.

2017 ist der 50. Jahrestag unserer Fachrichtung. Das RCEM (Royal College of Emergency Medicine) plant eine Reihe von Veranstaltungen um dies zu feiern. Es ist auch der 30. Jahrestag der Sektion Notfallmedizin der Royal Society of Medicine in London (1). Diese begann das Jahr mit einer Rückschau auf die Ereignisse der letzten Jahre.

Peter Williams, der Vorsitzende der Sektion, zeigte in seinem großartigen Programm mit Sprechern aus Großbritannien,  Nordamerika und Südafrika die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Notfallmedizin auf.

Mein Beitrag (der Autor ist Professor Simon Carley) war es, über die sozialen Aspekte der Weiterbildung in der Notfallmedizin zu sprechen und zu zeigen, wie Technologie und soziale Interaktion das traditionelle Bildungsmodel durchbrochen haben.

In dieser Rede gibt es drei Schlüsselbotschaften, die mit bisherigen blogs und Präsentationen verknüpft sind.

Ich (der Autor) habe hier die Aufzeichnungen des Tages zusammengetragen und versuche die Botschaft so gut ich kann mit anderen zu teilen.

  1. Technologie, Gedächtnis und Verarbeitung
  2. Das soziale Zeitalter
  3. Einfluss und Teilhabe

Technologie, Gedächtnis und Verarbeitung

Die Technologie ist im Jahr 2017 weit verbreitet. Daten der Pew Forschungsgruppe (2) zeigen, das die Interaktion mit den sozialen Medien von Jahr zu Jahr steigt und des nicht nur bei den Jüngsten. Soziale Medien und Technologie sind überall.  Auch wenn man denkt, das man selber kein Nutzer ist, so werden doch Kollegen dies nutzen und mit dem was sie dort lernen „kontaminiert“ sein. In anderen Worten: Man kann sich dem Einfluss der sozialen Medien nicht entziehen und dies auch dann nicht, wenn man diese selber nicht nutzt.

Die jüngsten Modelle zur medizinischen Ausbildung scheinen auf Lernstilen aus der Zeit vor dem Internet zu beruhen und diese laufen zunehmend hinter der technologischen Entwicklung hinterher. Wenn ich an meine frühere Karriere zurückdenke, dann war es ganz anders. Wir hatten keine Smartphones, das Internet existierte gerade mal, die Computer waren langsam und schwierig zu benutzen und sie waren im medizinischen Umfeld auch gar nicht so leicht erreichbar. Die Medizin am Krankenbett basierte auf der ärztlichen Fähigkeit sich an Dinge zu erinnern und diese Fakten aus dem eigenen Gedächtnis hervorzuholen. Die Jahre vor dem Studienabschluss und die ersten Jahre danach stellten den Erwerb und die Wiedergabe der Fakten in den Vordergrund. Wir lernten Anatomie sodass wir sie rezitieren, malen und beschreiben konnten. Stunde um Stunde wurde damit zugebracht, Fakten zu lernen um den Tutor zu beeindrucken und um uns am Krankenbett gut aussehen zu lassen.

Diese Tage sind vorbei.

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Wir alle haben Zugang zum Internet und fast jeder kann das Internet über ein portables Gerät erreichen. Das Gerät hat die Fähigkeit innerhalb von Minuten all das Wissen, das ich gelernt und vergessen oder niemals gewusst habe, hervorzubringen. Dies ist ein grundlegender Wandel im Zugang zu Informationen. Meine frühe Karriere war von der Notwendigkeit Dinge zu wissen gekennzeichnet. Heute ist es wohl wichtiger zu wissen, dass es diese Fakten gibt und wie man diese finden kann. Wir sind weniger der Merkzettel für Fakten als vielmehr das System, das Fakten identifiziert, sucht und verarbeitet.

Die Welt hat sich verändert. Aber die Bildungssysteme und insbesondere die Art, wie geprüft wird, hat sich nicht geändert. Lassen Sie uns darüber nachdenken. Denken Sie an die Prüfungsaufgaben, die Sie vorbereiten. Typischerweise wird die Wiedergabe von Fakten verlangt. Aber ist es wirklich so, dass wir Fakten fast sofort parat haben müssen? Müssen wir wirklich von den Studenten erwarten, dass sie den Plexus brachialis aus dem Gedächtnis her zeichnen müssen, wenn wir doch in Sekunden auf diese Informationen zugreifen können?

Bitten Sie mal die Erfahrenen den Plexus brachialis zu zeichnen. Die meisten werden dies wohl nicht können aber sie werden auf dem Smartphone nachsehen. Die Realität ist doch so, dass wir Informationen nicht so speichern, wie wir dies für die Prüfungen taten. Diese dienten jedoch dazu nachzuweisen, ob wir für den Beruf fit sind und sollten dies auch widerspiegeln. Einfach ausgedrückt – warum prüfen wir in einer Art und Weise, die wir nicht praktizieren? Die Antworten sind komplex. Aber es ist leicht und wir haben es schon immer so getan.

Wenn Sie beim Lesen in der Öffentlichkeit sind, dann sehen Sie sich doch mal um und beobachten, wie die Leute mit den sozialen Medien und Smartphones umgehen. Es sieht vermutlich so aus wie auf dem Bild hier unten, weil wir überall in der Welt nur teilweise aufmerksam sind.

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Darf ich fragen, ob Sie während Sie beim Lesen abgelenkt wurden? Haben Sie Ihre e-mails gelesen oder einen tweet oder etwas auf facebook? Es sind nur wenige Minuten vergangen, seit Sie die ersten Zeilen gelesen haben und doch waren viele von uns bereits abgelenkt.

Wir wissen, das Vorlesungen Probleme mit der Wissensvermittlung haben und Dinge wie TED sind sehr populär und einladend. Die Benutzung von erzählenden, kurzen und visuell ansprechend gestalteten Medien ist genau das, was Lernende heute einlädt. Diese Lektion müssen wir lernen.

Das soziale Zeitalter (3)

Julian Stodd hat als Akademiker untersucht, wie Organisationen mit sozialen Medien arbeiten. Er macht den wirklich wichtigen Punkt, dass wir vom Zeitalter der Manufaktur zum Zeitalter des Wissens und nun zum digitalen Zeitalter gekommen sind. Aber das digitale Zeitalter besteht und wir haben uns bereits darüber hinaus bewegt. Gegenwart und unmittelbare Zukunft sind davon geprägt, wie wir digitale Technologien sozial nutzen. Wenn Sie an Bildungstechnologie, Lernen und/oder sozialen Medien interessiert sind, dann empfehle ich Ihnen dringend den Blog von Julian und seine Bücher zu lesen.

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Unser traditionelles Bildungsmodel bedeutet, das Wissen von Akademikern geschaffen wird. Es wird durch Zeitschriften, Bildungspläne und die Ansichten der Lehrenden gesammelt, zugänglich gemacht und verbreitet. Im Zeitalter der sozialen Medien wird die Filterfunktion der Lehrer und etablierter Organisationen wie Schulen und akademische Institutionen durchbrochen und unterlaufen. In der Ära der sozialen Medien können wir weltweit kommunizieren und die Kontrolle über die Informationen ist verloren. Unseren Lernenden ist nicht nur eine wesentliche breitere Quelle des Wissens zugänglich, sondern sie sind nun in der Lage ihre eigenen Wertvorstellungen und Werte zu definieren. Die Kontrolle der Informationen die den Lehrern vorbehalten war, wird nun untergraben.

Eine Analogie würde die Kampagne zur US-Präsidentenwahl sein. Trumps Umgang mit den sozialen Medien bedeutete eine direkte Kommunikation mit der Wählerschaft.

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Hier in St. Emlyn`s verstehen wir das Ärzte ihr eigenes Wissen auf der Grundlage dessen was sie schon wissen erschaffen und wir stärken dies und binden das Wissen in die Diskussionen und Debatten mit ein. Dieses sozio-konstruktive Lernmodel (4) widerspiegelt das, was im Zeitalter der sozialen Medien geschieht. Kliniker kamen schon immer in den Kliniken, bei Treffen und Journalclubs zusammen, um sich gemeinsam über neues Wissen auszutauschen. Die Verbindung von sozialer Interaktion und Lernen ist nicht neu. Was neu ist, ist das diese Interaktion nicht länger an den physischen Raum oder die Zeit gebunden ist. Auf diesem Planeten können wir nicht asynchron persönliche Lernnetzwerke entwickeln, die nicht durch uns selber definiert oder kontrolliert werden. Das Bild unten zeigt ein PLN (personalised learning network ) von Anand Swaminatham. Es zeigt Ärzte, die für seine Reise durch das Lernen wichtig sind. Wenn Sie Gesichter wiedererkennen, dann sieht es aus wie Mavens von überall auf der Welt ((Anmerkung durch Übersetzer: Maven ist ein jüdisches Wort und bedeutetet Anhäufer von Wissen)). Dies ist ein wirklich starker Weg des nachhaltigen persönlichen Lernens,  das durch die soziale Interaktion im Internet geschaffen und erhalten wird.

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Klar gibt es bei diesem direkten und ungefilterten Informationsfluss Risiken (siehe Trump & Brexit). Wir sehen ähnliche Befürchtungen auch in der medizinischen Bildung. Traditionell Lehrende sind besorgt, dass sie die Kontrolle darüber verlieren, wozu Lernende Zugang haben und was sie dann glauben. Sie sind besorgt, dass sie möglicherweise nicht die Fähigkeit zwischen dem, was gut und ist und dem, was nicht so gut ist zu unterscheiden.

In der Realität haben sie Recht. Wir müssen unsere Auszubildenden und Kollegen befähigen, diese Skills zu entwickeln und nicht so tun als wären diese nicht notwendig. Für jeden, der heutzutage mit Bildung beschäftigt ist, sollte klar sein das Web basiertes Lernen die Fähigkeit zur kritischen Einschätzung benötigt. Für den Lehrer ist die Botschaft klar. Wir müssen in dem Raum arbeiten, leben und lernen, in dem auch unsere Lernenden zu Hause sind – und das ist online.

Einfluss und Teilhabe

Wir haben schon auf die Statistiken hingewiesen die zeigen, wie sich junge Ärzte in den USA (4)  und Kanada (5) einbringen und dies ist überzeugendes Datenmaterial. Aber welche Auswirkungen hat das auf die Sorge um den Patienten?

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Wir wissen, dass es problematisch ist, die Ergebnisse klinisch qualitativ guter Studien in die Arbeit am Patienten umzusetzen. Studien haben gezeigt, dass dieser Weg bis zu 14 Jahre dauern kann.  Dies führt dazu, das vielen unserer Patienten, nicht die qualitativ hochwertige Medizin zugute kommt.

Es gibt viele mögliche Ursachen, warum dies so ist. Aber es ist sicherlich so, dass die Beschränkung auf Informationen die zunächst nur über Zeitschriften zugänglich sind und sich dann langsam in den Textbüchern und Lehrplänen wiederfinden, der Geschwindigkeit entspricht, mit der sich Gletscher verändern.

Der Einfluss, den das soziale Lernen hat, kann dies verändern und den Weg des Wissens von der Quelle bis zum Krankenbett beeinflussen. Nehmen wir mal etwas, wo ich mir sicher bin, das Sie dies heutzutage tun. Die REVERT Methode für die Behandlung der SVT (7). Nun denken Sie mal darüber nach, wie Sie über diese Studie informiert wurden und beantworten Sie die folgenden Fragen:

1.Wissen Sie, in welchem Journal diese Studie veröffentlicht wurde

2.Beziehen Sie diese Zeitschrift?

3.Haben Sie das Abstrakt gelesen?

4.Haben Sie den gesamten Artikel gelesen bevor Sie diese Technik übernommen haben (das gesamte Papier Wort für Wort)?

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Die Methode wurde übrigens im Lancet veröffentlicht. Ich wette, dass > 90 % der Ärzte, die diese Technik übernommen haben, nicht das gesamte Papier gelesen haben. Als wir einen Blog über dieses Papier veröffentlichten, gab es plötzlich 12000 Aufrufe und Mitteilungen aus der ganzen Welt, innerhalb von Stunden berichteten Ärzte über die Anwendung dieser Methode. Das zeigt die tatsächliche Auswirkung und die phantastisch schnelle Aufnahme von neuem Wissen.

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Wenn Sie dies hier lesen, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass Sie das meiste darüber durch #FOAMed erfahren haben.

Sie werden es online gesehen oder an Diskussionen teilgenommen haben. Und ich vermute mal, Sie haben Nicht-#FOAMed Kollegen mit diesem Wissen kontaminiert.

Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie die neuen Methoden der sozialen Interaktion und Kommunikation das Lernen und die Arbeit beschleunigen können.

So, was bedeutet das alles?

Im Fokus dieses Treffens zum 30. Jahrestag stand der Blick in die Zukunft der Notfallmedizin und ich denke, dass diese Rede wirklich gut hier am Ende dieses Treffens platziert ist. Bildung ist wirklich eine Zeitmaschine. Wir investieren in die Lehre und das Lernen, um die Zukunft der Gesundheitsversorgung zu verändern. Was wir jetzt tun, wird die Versorgung in der Zukunft und auch unsere heutige beeinflussen.

Als Lehrende haben wir das Privileg in die Zukunft zu investieren und ich bin froh ein kleiner Teil dieses heutigen fabelhaften Tages gewesen zu sein.

vb

S

References

1.Emergency Medicine Section. Royal Society of Medicine. https://www.rsm.ac.uk/sections/sections-and-networks-list/emergency-medicine-section.aspx. Published 2017. Accessed February 7, 2017.

2.Social Media Usage Trends. Pew Research Group. http://www.pewinternet.org/2015/10/08/social-networking-usage-2005-2015/. Published 2016. Accessed February 7, 2017.

3.Julian Stodd Learning Blog. Julian Stodd Learning Blog. https://julianstodd.wordpress.com/. Published 2017. Accessed February 7, 2017.

4.Social and Constructivism. St.Emlyn’s. http://stemlynsblog.org/educational-theories-you-must-know-constructivism-and-socio-constructivism/. Published 2015. Accessed February 7, 2017.

5.Pearson D, Bond M, Kegg J, et al. Evaluation of Social Media Use by Emergency Medicine Residents and Faculty. WestJEM. 2015;16(5):715-720. doi: 10.5811/westjem.2015.7.26128

6.Purdy E, Thoma B, Bednarczyk J, Migneault D, Sherbino J. The use of free online educational resources by Canadian emergency medicine residents and program directors. CJEM. 2015;17(02):101-106. doi: 10.1017/cem.2014.73

7.Appelboam A, Reuben A, Mann C, et al. Postural modification to the standard Valsalva manoeuvre for emergency treatment of supraventricular tachycardias (REVERT): a randomised controlled trial. Lancet. 2015;386(10005):1747-1753. [PubMed]

Quelle:

“The future of Emergency Medicine Education in the Social Age “

http://stemlynsblog.org/the-future-of-emergency-medicine-education-in-the-social-age-st-emlyns/

Die Macher von St. Emlyn`s haben mir die Erlaubnis erteilt, das Material in übersetzter Form für das deutsche FOAM zu benutzen. Jovanka Blunk

Anmerkung des Übersetzers: REVERT Methode :

http://stemlynsblog.org/the-revert-trial/

Video zur Methode von Lancet TV im Text

 

Veröffentlicht von Jovanka Blunk

Emergency Medicine enthusiast.

One Comment

  1. […] Hier ein interessanter Link zu einer Übersetzung eines Rede/Vortrag von Prof. Simon Carley über #dasFOAM. […]

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