Vorwort

Dies ist ein Post, den Dr Ben Symon für den Blog „Life In The Fast Lane“ schrieb. Der Post wurde ins Deutsche übersetzt, dabei wurde vor allem darauf geachtet, dass der Sinn vermittelt wurde. An einigen Stellen musste dafür etwas freier übersetzt werden, als in offiziellen Übersetzungen üblich.

Gespräche mit unseren Vätern

Dies ist ein Gastbeitrag, den Dr. Ben Symon (@symon_ben) geschrieben hat. Ben ist ein Notfallmediziner mit Schwerpunkt Pädiatrie in Queensland, und einer der Erfinder von Simulcast.

Als ich dreizehn Jahre alt war, erzählte mir mein Vater (Dad) vom Milgram-Experiment. Ich erinnere mich sehr genau, wie ich am Küchentisch saß, als er mir erzählte, dass Studienteilnehmer bereitwillig die Voltstärke eines Elektroschock-Gerätes hochdrehten, obwohl sie glaubten, sie könnten einen Häftling damit töten. Der Großteil der Teilnehmer drehte den Strom hoch, wenn ihnen gesagt wurde: „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen“. Die Geschichte blieb mir im Kopf, obwohl ich mir nicht sicher bin, warum mein Vater sie mir erzählte. Ich möchte glauben, er hat sie erzählt, um mich zu lehren, dass Widersprechen schwer ist. Dass die Angst vor Ablehnung mächtig ist.

Als ich fünfzehn Jahre alt war, vertraute ich meinem Vater unter Tränen an, dass ich dachte, mit mir stimme etwas nicht. Dass ich falsch gebaut worden sei. Wir besprachen keine Einzelheiten, aber während er mich tröstete, ließ er mich wissen, dass „ zwar manche Eltern vielleicht etwas sagen würden, wie, dass einen homosexuellen Sohn zu haben, fürchterlich wäre, aber für mich bist du perfekt. Du kannst mir alles sagen.“

Er ließ diese Aussage einfach ruhen. Wir haben das Thema eine lange Zeit nicht mehr angesprochen.

Als ich achtzehn Jahre alt war, schickte ich meinen Eltern einen Brief, in dem ich Ihnen mitteilte, dass ich schwul sei und einen Partner habe. Er war gutaussehend und charmant und er wollte die Welt verändern. Ich sagte ihnen, dass ich das mit ihnen teilen wollte, und dass ich hoffte, sie würden mich noch lieben. Es hatte mich drei Jahre gekostet, seit der Einladung meines Vaters, über alles reden zu können, bis ich mit ihnen geredet habe. Ich saß einen grausamen Nachmittag lang am Telefon und wartete auf den Anruf meiner Eltern, mir war schlecht vor Angst.

Als Dad endlich anrief erzählte er mir, er habe einen schwulen Kollegen aufgesucht und ihn gefragt, wie er (Dad) mir am besten zeigen könne, dass ich akzeptiert und geliebt bin.

Angst vor Ablehnung ist mächtig. Die Akzeptanz meiner Eltern war eine unbeschreibliche Erleichterung.

Als mein Partner 36 Jahre alt war, erzählte er seiner religiös geprägten, kantonesischen Familie, dass er einen Partner habe. Wir waren zu dem Zeitpunkt acht Jahre zusammen. Er hatte das Gespräch immer wieder verschoben und ich bin zunehmend frustriert gewesen, verwundert, dass er so gezögert hat, etwas zu tun, was ich schon fast 20 Jahre früher getan hatte. Ich glaube, er hat es nur darum endlich erzählt, weil seit fünf Monaten eine Leihmutter-Schwangerschaft für uns lief und unser Sohn bald auf die Welt kommen würde. Seinen Eltern nichts zu erzählen war in der Tat keine Alternative.

Als es Probleme in der Schwangerschaft gab, bat er seinen Vater, für uns zu beten. Aber sein Vater sagte, er würde beten, dass „Gottes Wille geschehe“. Mein Partner hatte nicht aus Schwäche oder Angst vor Konflikt das Gespräch gemieden, er hatte die Situation korrekt erfasst.

Kein Blatt vor den Mund nehmen, für jemanden oder etwas, oder für sich selbst eintreten, Bedenken äußern – das ist schwierig, weil Ablehnung mächtig ist.

Ich erwähne diese Geschichten, weil bei jeder Einführung bei einem neuen Arbeitgeber, und bei jedem Orientierungslehrgang, zu dem ich gehe, wir eine kleine Ansprache erhalten, in der betont wird, dass wir sicherheitsrelevante Bedenken ansprechen sollen. “Speak up for safety”. Ein gut gemeinter Rat und es fühlt sich gut an, diese Worte zu hören. Ein rührender Film wird gezeigt, in dem ein Flugzeug dank flachen Hierarchien vor dem Absturz gerettet wird, wir lächeln und sagen, wir werden auf jeden Fall sicherheitsrelevante Bedenken äußern. Aber in meinem Hinterkopf höre ich meinen Vater, wie er mir vom Milgram-Experiment erzählt und denke mir, “aber wir werden doch nichts sagen. Die meisten nicht.”

Warum meinen wir, wir können das Problem der medizinischen Fehler lösen, indem wir den Anfängern und den Neuen im Team, dem Nachwuchs, sagen, sie sollen Bedenken äußern? Sie sollen sich uns widersetzen? Sie würden vielleicht gerne, und manche Individuen mit außergewöhnlich starkem Charakter werden das auch tun, aber letztendlich werden die meisten nichts sagen. Es mag vielleicht pessimistisch klingen, wenn ich meine, Menschen werden sich nicht äußern, aber ich bin davon überzeugt, dass es genau so ist.

Die Geschichte ist voll mit Beispielen, schaut euch nur die Killing Fields in Kambodscha an.

Schaut euch das Stanford-Gefängnis-Experiment an.

Schaut euch das Manus-Insel-Gefängnis an.

Und dann meint Ihr, Leute würden Bedenken äußern, wenn Ihr eine falsche Dosis Propofol verlangt? Welche Hybris!

Warum also verbringen wir so viel Zeit damit, dem Nachwuchs zu erzählen, er soll Bedenken äußern? Ist es, weil es einfacher ist, den Menschen unten in der Nahrungskette solche Verhaltensregeln aufzuerlegen, als jenen an der Spitze? Fügen wir uns unterbewusst den gleichen Hierarchien, von denen wir unserem neuen Personal sagen, sie sollen ignoriert werden?

Ich glaube schon. Und ich glaube, wir lehnen uns deswegen nicht auf, weil es in unserem genetischen Code einprogrammiert ist, uns der Autorität zu unterwerfen. Menschen sind Rudeltiere. Wir organisieren uns in Herden, mit komplexen sozialen Strukturen. Aus evolutionärer Perspektive wird ein Rudel mit einem klaren Alphatier und einem Haufen gehorchenden Anhängern eher den Winter überleben, als ein Rudel mit einem instabilen Machtgefüge. Wir fürchten uns vor Einsamkeit, weil unsere DNA glaubt, die Hierarchie zu stören führt zum Tod durch Verhungern. Ein einsamer Wolf stirbt, der Homo Neanderthal aber, der Einsamkeit verspürte, überlebte in der Gruppe. Unsere Gene wollen, dass wir diese Furcht spüren. Aus deren Perspektive ist es überlebenswichtig, eine bestehende Hierarchie aufrechtzuerhalten.

Vor Jahrtausenden war die Ablehnung tödlich, also ist es selbst jetzt noch schwierig, sich aufzulehnen.

Wenn ich auf meine Vergangenheit blicke verstehe ich, dass ich nicht deswegen mein “coming out” zwanzig Jahre früher als mein Partner hatte, weil ich einen stärkeren Charakter hätte als er. Ich tat es, weil mein Rudelführer mir zu verstehen gab, dass ich Wertschätzung erfahren würde, egal was komme. Das Rudel meines Partners gab ihm klare Signale, dass eine Ablehnung von ihm möglich war, und dass seine Anpassung Wertschätzung finden würde. Also schwieg er. Nicht weil er schwach war, sondern weil Schweigen ihm seinen Platz im Rudel sicherte, und sein Rudel zu verlieren bedeutet echten Schmerz zu erfahren.

Meinen wir wirklich, der Nachwuchs in unserem Team ist derart außergewöhnlich, dass er vor den Mächtigen die Wahrheit aussprechen wird, bloß, weil er sich einen inspirierenden 10-minütigen Videoclip zu Beginn der Orientierung angeschaut hat? Also bitte. Wir erreichen nur, dass der Nachwuchs sich schuldig fühlt, wenn er sich nicht traut sich zu äußern, weil sie menschlich sind.

Darum glaube ich, wir müssen unsere Herangehensweise ändern, wenn es um das Ansprechen sicherheitsrelevanter Bedenken geht. Weil wir mit den falschen Leuten reden.

Wir müssen die Menschen an der Spitze der Hierarchie ansprechen, statt denen unten in der Karriereleiter. Statt Leuten zu sagen, sie sollen sich für die Sicherheit einsetzen, sollten wir den Anführern sagen, sie sollen sich öffnen, sie sollen zuhören. Anführer müssen nachfragen, wie andere über die Therapie oder Herangehensweise denken, denn das gibt dem Nachwuchs Gelegenheit und Raum, sich zu äußern. Es scheint vielleicht nicht wie ein riesiger Paradigmenwechsel, aber ich glaube, es ist wichtig.

Wenn Dein Unternehmen Dir aufträgt, Dich zu äußern wenn Du Bedenken hast, dann wirst Du trotzdem nicht mit dem Fuß auf den Boden stampfen, wenn eine einflussreiche Intensivmedizinerin eine invasive Therapie beginnt, die Du für unethisch hältst. Aber wenn die einflussreiche Intensivmedizinerin stattdessen nachfragt, ob Du die Therapie angebracht findest, weil sie Sorgen hat, unter Umständen zu weit zu gehen, dann hat sie Dir erlaubt, Dich zu äußern, teilzunehmen. Sie behält ihre Position in der Hierarchie während sie gleichzeitig die Kollaboration fördert. Das wandelt ein kritisches, unangenehmes Gespräch in ein respektvolles um. Und ein respektvolles Gespräch ist einfacher zu initiieren.

Wenn wir den Nachwuchs dazu auffordern, uns zu widersprechen, ist es immer noch die Aufforderung, uns herauszufordern, also werden sie es nicht tun. Wenn wir sie bitten uns zu helfen, tun sie es vielleicht. Wir, diejenigen oben in der Nahrungskette, geben den Ton im Team an, und dafür müssen wir die Verantwortung annehmen, statt die Verantwortung nach unten zu verlagern.

Die Botschaft für alle Teamleiter und Führungskräfte, an alle oben in der Hierarchie, die das hier lesen: wenn Ihr das nächste mal ein “10 für 10” macht oder einen Fall besprecht, fragt die Menschen in eurem Team, was sie denken, hört ihnen aktiv zu. Selbst, wenn ihr euch eurer Sache sicher seid, fragt sie. Dadurch, dass ihr einen solchen Umgang vorlebt, und euch für Input öffnet, spürt das Team eine flachere Hierarchie und trotzdem ist klar, wer das Team anführt. Und das, eher als ein zehnminütiges Flugzeugvideo, könnte dem Team wirklich ermöglichen, Bedenken zu äußern.
Bedenken äußern ist sehr schwer. Das aktive Zuhören wirkt transformativ.

Danke, Dad.

Posted by Michael Stanley

Ich teile mein Berufsleben durch drei, irgendwie. Als "Medic" und "Winchman" auf Offshore RTH an deutscher Nord- und Ostsee, als Aushilfs-Notfallsanitäter in einem städtischen Rettungsdienst, und als freiberuflicher Dozent für verschiedene Kurse und Konzepte. Ich interessiere mich besonders für die Soft-Skills, die Human Factors, das Crew Ressource Management, Just Culture und dergleichen.

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