All posts by J. Gollwitzer

Notfallsanitäter, Certified Critical Care Paramedic, Krankenpfleger
Arbeitet derzeit im Intensivtransport

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Sellick Manöver – noch immer ein Thema?

Unter dem Sellick Manöver versteht man die Ausübung von Druck auf den Ringknorpel nach dorsal auf die Speiseröhre um diese zu verschließen und damit eine Regurgitation und anschließende Aspiration während des Intubationsprozesses zu vermeiden. Dieses Vorgehen beruht auf einer Untersuchung und Publikation eines Artikels von B.A. Sellick aus dem Jahre 1961 im Lancet. Die Untersuchung umfasste ganze 26 Probanden und es wurde festgestellt, dass bei drei der Probanden nach Lösung des Krikoiddruckes eine Regurgitation auftrat und somit evtl. durch den Druck auf den Ringknorpel eine Aspiration vermieden werden konnte. Read More

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Der Sauerstoff sorgt weiter für Wirbel…

Vor einigen Tagen wurden die AMI / STEMI Guidelines der ESC (European Society of Cardiology) aktualisiert. Die kompletten Guidelines finden Sie hier als „free full text“ Paper. Es gibt einige Veränderungen gegenüber den Guidelines von 2012, übersichtlich dargestellt in dieser Grafik:

Bildschirmfoto 2017-08-28 um 16.00.09

Bereits zwei Tage nach Veröffentlichung sorgt jedoch vor allem ein Punkt für rege Diskussionen in den sozialen Netzwerken; die Herabsetzung der Grenze für Sauerstoffgabe von einer SpO2 < 95 % auf nur noch < 90 %. Dies ist ein im Vergleich zu den derzeitigen AHA, ERC und GRC Guidelines (=/< 94 %) nochmals eine Reduzierung von 4 Prozentpunkten. In den ESC Guidelines wird die Sauerstoffgabe beim unkomplizierten AMI sowie STEMI (ohne kardiogenem Schock) erst bei einer SpO2 < 90 % als Grad I Recommendation ausgewiesen. Als Hintergrund werden die AVOID Studie (1) sowie die DETO2X Studie (2, 3) aufgeführt.

Die Kommentare auf den verschiedenen Plattformen im Netz reichen von der sachlichen Kommentierung bis zum gänzlichen Unverständnis für diese Maßnahme. Vielleicht vor allem deshalb weil ein einziger, schon sehr niedriger Grenzwert, von den meisten als eine in Stein gemauerte Grenze zur Gabe von Sauerstoff für alle Patienten interpretiert wird und weil Begriffe wie Hypoxämie und Hypoxie mit ein und der selben Wertigkeit verwendet werden.

Klar zu sein scheint, dass eine Hyperoxie einen Nachteil für den Patienten im Sinne einer Vergrößerung des Infarktareals durch freie Sauerstoffradikale, welche auch noch eine große Affinität zu bereits geschädigten Zellen aufweisen, mit sich bringt. Auch sollte klar sein dass Sauerstoff im systemischen Kreislauf eine vasokontriktive Eigenschaft aufweist.

Der in der ESC Guideline aufgeführte Grenzwert gilt für Patienten mit einem ansonsten unkomplizierten AMI / STEMI welche keine Anzeichen eines kardiogenen Schock aufweisen. Auch die AHA, ERC sowie GRC Guidelines sprechen bei ihren Grenzwerten von Patienten, welche keine Anzeichen einer Hypoxie aufweisen.

Ein erniedrigter SpO2 Wert ist in erster Linie als Zeichen einer Hypoxämie und nicht zwangsläufig einer Hypoxie zu werten. Diese kann daraus resultieren, zeigt sich jedoch durch eine Minderversorgung von Sauerstoff auf zellulärer Ebene an einem Endorgan. Hier würden also z. B. eine Agitation, Verwirrtheit oder andere Bewusstseinsveränderung (Gehirn) oder massive Herabsetzung der Pumpleistung (Herz). Dann hätten wir aber den „unkomplizierten“ AMI / STEMI Patienten bereits verlassen.

Zusammenfassend meine ich persönlich, dass wir das Thema vielleicht nicht ganz so heiß essen sollten wie es oftmals gekocht wird. Klar sollte jedem sein, dass Sauerstoff ein Medikament wie jedes andere auch ist. Es verfügt somit über eine gewünschte Wirkung aber auch über Nebenwirkungen, die wir im Hinterkopf haben sollten. Keine der erwähnten Guidelines fordert einen Patienten mit offensichtlichen und schweren Hypoxiezeichen im Sauerstoffmangel „verdursten“ zu lassen. Die Grenzwerte dienen vielmehr als Zielvorgaben, auf die wir unsere Patienten einstellen sollten, sofern sie dies medizinisch vertragen. Und sie sollten uns daran erinnern, dass die Zeiten einer provisorischen Sauerstoffgabe mit 15l/min bei jedem Infarktpatienten definitiv vorbei sind!

Soweit wie es ärztlicher Kollege im Spaß kommentiert hat, wird und sollte es sicherlich nicht kommen: „….wenn das so weitergeht, müssen STEMI-Patienten bald in die Druckkammer und auf 8000 m behandelt werden“.

 


(1) Air Versus Oxygen in ST-Segment Elevation Myocardial InfarctionDion StubKaren SmithStephen BernardZiad NehmeMichael StephensonJanet E. BrayPeter CameronBill BargerAndris H. EllimsAndrew J. TaylorIan T. Meredith and David M. Kaye on behalf of the AVOID Investigators  https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.114.014494 

(2) DETermination of the role of OXygen in suspected Acute Myocardial Infarction trial Hofmann, Robin et al. American Heart Journal , Volume 167 , Issue 3 , 322 – 328

(3) Oxygen Therapy in Suspected Acute Myocardial Infarction. Hofmann, Robin et al. NEJM, August 28, 2017DOI: 10.1056/NEJMoa1706222

#FOAM deutsch

Neues aus FOAM´s world #5

Soziale Medien (SoMe) spielen inzwischen weltweit für die medizinische Weiterbildung eine große Rolle. #dasFOAM möchte ein Teil davon sein. Wir beschäftigen uns damit, frei verfügbare medizinische Lehrinhalte (FOAMed = Free Open Acess Medical EDucation) in Deutschland bekannt zu machen und unserer eigenen Inhalte zu verbreiten. Aus diesem Grund wollen wir in regelmäßigen Abständen auch berichten, welche Themen national und international in der Notfall- und Intensivmedizin als FOAM verfügbar sind und unlängst besprochen wurden. Dazu wollen wir monatlich eine Zusammenfassung von interessanten Podcasts, Blogs oder auch Tweets der jüngere Zeit liefern.

Auch wenn im Bereich FOAM die SoMe bei weitem diese Nase vorne haben, gibt es doch auch hin und wieder sehr gute Artikel in den Print Medien welche als „free open access“ zur Verfügung stehen. Zwei davon möchten wir Euch heute empfehlen:

  • Ganz aktuell (08/17) ist der Artikel mit dem Titel „EmergeNcy Department use of Apneic Oxygenation versus usual care during rapid sequence intubation: A randomized controlled trial (The ENDAO Trial)“ welcher im Academic Emergency Medicine Journal erschienen ist. Es handelt sich hierbei um die wohl erste randomisierte Untersuchung zum Thema ApOx in einer Notaufnahme. Leider verspricht das Ergebnis nicht das was sich viele wohl von dieser Maßnahme erhofft haben. Man muss allerdings auch sagen dass die Probantenzahl mit 100 relativ gering angesiedelt war. Sehr interessant ist auch das von J. C. Sakles (Twitter: @JohnCSakles) hierzu verfasste Editorial welches derzeit (vom 17.08.17 für 50 Tage) auch frei zur Verfügung steht. Quintessenz beider Artikel: ApOx mit bis zu 15 l/min bringt nicht immer nachweislich das was wir uns versprechen, was nicht heißt dass nicht verschiedene Patienten davon profitieren können. In erster Linie steht eine suffiziente Präoxygenierung im Vordergrund. (JG)
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Kurze Zusammenfassung der Aussage seines Editorials (von J.C.Sakles) in einem Tweetverlauf

 

  • Der zweite „free open access“ Artikel mit dem Prädikat lesenswert wurde im März diesen Jahres im African Journal of  Emergency Medicine veröffentlicht und befasst sich mit der Thematik Wirbelsäulentrauma und Immobilisation; passt also ganz gut zum gerade hier auf dieser Seite veröffentlichten Post zu dieser Thematik. Das Paper „Cervical collars and immobilisation: A South African best practice recommendation“ befasst sich mit den Süd Afrikanischen Guidelines zur Ruhigstellung der Wirbelsäule welche vor allem dadurch herausstechen dass sie als bisher einzige die Anwendung von „hard collars“ eindeutig nicht empfehlen, Eine in Deutsch gehaltene Zusammenfassung des Papers ist auf dem FOAM Rettungsdienst Blog erschienen. (JG)
  • FOAMina macht Sommerurlaub, da bleibt uns nur den Kollegen eine schöne Zeit und gute Erholung zu wünschen! (FL)
  • news-papers.eu macht nie Urlaub, Michel kennt so was gar nicht…
    Die Kollegen weisen auf den im Oktober anstehenden Lifemed-Kongress  hin, der von der ZNA der Uniklinik Leipzig organisiert wird und sich mittlerweile gut etabliert hat. Besonders weil da für jeden was dabei ist, vom Rettungsdienst bis Oberarzt und zur Triage-Pflegekraft. Wird sicher eine spannende Veranstaltung mit sehr illustren Gästen. (FL)
  • Ein weiterer exzellenter Beitrag auf news-papers.eu kommt von Jürgen Knapp aus Bern, der sich mit dem Kind mit hohem Fieber befasst hat. Das von den Erwachsenen bekannte LUCCASS-Akronym erklärt und verwendet er hier für ein (fiktives) Kind und wie er zur Lösung kommt. Verständlich wird die Therapie der kleinen Patientin erklärt, ebenso wie weitere Konsequenzen aus dem Fall (mehr wollen wir hier nicht verraten…) (FL)
  • Einen interessanten Aspekt der manuellen Beatmung mit der Maske greifen die Kollegen von resus.me auf: Per Bredmose, in der Twitter-Welt bekannt als Viking One, hat die alte Technik der Kopf-Rotation zur Verbesserung der Beatmungssituation erklärt, das Ganze ergänzt um einen Kommentar von Chris Nickson. Prädikat unbedingt lesenswert! (FL)
  • Und der großartige Sceptics guide to emergency medicine hat eine deutsche Ausgabe, die Ilja Osthoff übersetzt und moderiert. Hier lohnt sich immer ein Blick, nicht zuletzt wegen unseres aktuellen Trauma-Artikels von Urban: In diesem Beitrag seziert er die Evidenz bezüglich der Polytraumaspirale im Gegensatz zu der selektierten Bildgebung anhand eines aktuellen Artikels. Absolut lohnend, wie auch die anderen, teils sehr humorvollen Artikel. (FL)
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Rettungsassistent – Notfallsanitäter*: was kann er, was darf er, was sollte er können….?

Nicht nur in den eigenen Reihen, auch beim Pflegepersonals oder der Ärzteschaft (egal ob Notarzt, Niedergelassener oder Stationsarzt) herrscht hier häufig Unklarheit. Und das nicht zu Unrecht: weder das RettAssG noch das NotSanG sind ein Gesetz, das die Ausübung der Berufes regelt. Beide definieren ausschließlich die Ausbildung des rettungsdienstlichen Personals! Die jeweiligen Ausbildungsziele lassen zumindest bei großzügiger Auslegung erahnen in welche Richtung die Ausbildung abzielen könnte.

RettAssG § 3 Ausbildungsziel „Die Ausbildung soll entsprechend der Aufgabenstellung des Berufs als Helfer des Arztes insbesondere dazu befähigen, am Notfallort bis zur Übernahme der Behandlung durch den Arzt lebensrettende Maßnahmen bei Notfallpatienten durchzuführen, die Transportfähigkeit solcher Patienten herzustellen, die lebenswichtigen Körperfunktionen während des Transports zum Krankenhaus zu beobachten und aufrechtzuerhalten sowie kranke, verletzte und sonstige hilfsbedürftige Personen, auch soweit sie nicht Notfallpatienten sind, unter sachgerechter Betreuung zu befördern.“

NotSanG § 4:
„(1) Die Ausbildung zur Notfallsanitäterin oder zum Notfallsanitäter soll entsprechend dem allgemein anerkannten Stand rettungsdienstlicher, medizinischer und weiterer bezugswissenschaftlicher Erkenntnisse fachliche, personale, soziale und methodische Kompetenzen zur eigenverantwortlichen Durchführung und teamorientierten Mitwirkung insbesondere bei der notfallmedizinischen Versorgung und dem Transport von Patientinnen und Patienten vermitteln. (…)

(2) Die Ausbildung nach Absatz 1 soll insbesondere dazu befähigen

1. die folgenden Aufgaben eigenverantwortlich auszuführen: (…)
c) Durchführen medizinischer Maßnahmen der Erstversorgung bei Patientinnen und Patienten im Notfalleinsatz und dabei Anwenden von in der Ausbildung erlernten und beherrschten, auch invasiven Maßnahmen, um einer Verschlechterung der Situation der Patientinnen und Patienten bis zum Eintreffen der Notärztin oder des Notarztes oder dem Beginn einer weiteren ärztlichen Versorgung vorzubeugen, wenn ein lebensgefährlicher Zustand vorliegt oder wesentliche Folgeschäden zu erwarten sind (…)

2. die folgenden Aufgaben im Rahmen der Mitwirkung auszuführen:
(…) eigenständiges Durchführen von heilkundlichen Maßnahmen, die vom Ärztlichen Leiter Rettungsdienst oder entsprechend verantwortlichen Ärztinnen oder Ärzten bei bestimmten notfallmedizinischen Zustandsbildern und -situationen standardmäßig vorgegeben, überprüft und verantwortet werden,“

Führt man sich beide Gesetzestexte vor Augen, so fällt auf, dass die Anwendung lebensrettender Maßnahmen bis zum Eintreffen des Notarztes Ausbildungsziel beider Berufe war und ist. Somit müssen beide Berufsgruppen diese beherrschen. Die Innovation im NotSanG zeigt sich in der Betonung der „Eigenverantwortlichkeit“ (verantwortlich ist übrigens grundsätzlich jeder für sein eigenes Handeln) sowie in der Möglichkeit der eigenständige Durchführen heilkundlicher Maßnahmen in einem vorgegebenem Rahmen.
Ausbildungsziel heißt jedoch nicht auch automatisch Erlaubnis zur Durchführung. Und genau hier ist die aktuell gesetzliche Lage nicht eindeutig, insbesondere weil das Heilpraktikergesetz nicht auch einer Anpassung unterzogen wurde. Zumindest theoretisch würde die eigenverantwortliche, medizinische Tätigkeit des Rettungsassistenten – Notfallsänitäter gegen §5 Abs 1 des Heilpraktiker-Gesetzes verstoßen. Allerdings ist dies aus gutem Grund durchaus umstritten, von einer Rechtssicherheit kann aber, bis entsprechende Urteile vorliegen, keine Rede sein. Ähnliches gilt für die Verabreichungen von Opiaten und die Regelungen im Betäubungsmittelgesetz.

Also: was kann jetzt der Rettungsassistent – Notfallsanitäter?

Grundsätzlich das, was er gelernt hat:

  • Überwachung von Patienten und Erkennen notfallmedizinischer Krankheitsbilder
  • Lebensrettende Maßnahmen zur Beseitigung vitaler Bedrohungen sowie Aufrechterhaltung vitaler Funktionen
    • Lagerung
    • i.v. / i.o. Zugang
    • Notfallmedikamente (Dosierung, Wirkung, Nebenwirkung, Kontraindikationen)
    • Atemwegssicherung / Beatmung / Koniotomie
    • gängige 12-Kanal EKG Interpretation
    • ACLS CPR incl. Defibrillation
    • Nadeldekompression bei Spannungspneumothorax
    • Traumaversorgung

Und was darf er/sie?

  • Grundsätzlich im Rahmen und unter den Voraussetzungen des § 34 StGB die Anwendung aller Maßnahmen, welche er gelernt hat und beherrscht, um eine akute Bedrohung für Leib und Leben abzuwenden. Dies gilt für beide Berufsgruppen gleichermaßen, da sind sich die Experten weitestgehend einig.
  • Im Rahmen der Garantenstellung des Rettungsdienstes muss sogar von einer Verpflichtung ausgegangen werden, Maßnahmen nach § 34 StGB ein zu leiten.
  • Die sogenannte Notkompetenz ist ein Empfehlungskonstrukt der Bundesärztekammer, diese entsprechen nach allgemeiner Auslegung allerdings eh den Vorbedingungen des § 34 StGB zum rechtfertigenden Notstand.
    Hier sei insbesondere angemerkt, dass jemand, der schon in der Regel nicht kompetent ist, dies in einer Notsituation schon gar nicht sein wird.
  • Die eigenständige Durchführung von heilkundlichen Maßnahmen nach § 4 Abs 2 2c NotSanG haftet aktuell nach wie vor ei7ne Rechtsunsicherheit an.

Und für die Entwicklung der Notfallmedizin entscheidend: was sollte nach unserer Meinung der Rettungsassistent – Notfallsanitäter können….

…und auch dürfen?

  • Die Abwägung, ob die Hinzuziehung eines Notarztes notwendig ist oder ob eine eigenständige Beherrschung der Situation gegeben ist (Cave: Eigenständige Beherrschung = Eigenverantwortung!): typisches Beispiel wäre der klassische Schlaganfall im Lysefenster, oder aber auch am anderen Ende des Spektrums: die angestoßene kleine Zehe an der Tür, die sicher keinen Rettungsdienst oder Transportbegleitung ins Krankenhaus braucht.
  • Invasive Atemwegssicherung und Thoraxdrainage nach intensivem Training und in kontinuierlicher Überprüfung des Erlernten: ein traumatischer Cardiac Arrest ist nicht der Zeitpunkt zwei Thoraxdrainagen sowie die Intubation brav nacheinander durchzuführen – hier ist paralleles, in einander greifendes Teamwork gut ausgebildeter Spezialisten der Notfallmedizin gefragt.
  • Umgang mit präklinischer Sonographie
  • Im Hinblick auf den fortschreitenden Einsatz invasiver Maßnahmen in der Präklinik die Schulung bzgl. Verständnis und Assistenz bei
    • arteriellem Zugang
    • Thorakotomie
    • REBOA
    • ECMO (v. a. bei im Intensivtransport eingesetztem Personal)

Die Zukunft unseres Berufstandes hat viel zu bieten und er wird vermutlich deutlich anspruchsvoller. Leider wird er auch von unseren Kollegen in den anderen medizinischen Berufsgruppen häufig unterschätzt. Es kann aber auch anders aus sehen:

Bildschirmfoto 2017-04-01 um 15.14.12

Boston ECHO Conference März 2017

Der oben gezeigte Tweet aus einer Kongressveranstaltung in Boston zeigt, welchen Stellenwert rettungsdienstliches Personal einnehmen kann und in Zukunft auch sollte. Hierzu ist jedoch eine gegenseitige Akzeptanz aller Berufsgruppen ebenso wichtig wie eine stete (Selbst-)Verpflichtung zur Fort- und Weiterbildung verbunden mit dem Willen Verantwortung zu übernehmen.

– Professional behavior is the only way to promote a profession! –  (Herkunft unbekannt)

Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Entwicklung – die international schon deutlich mehr Fahrt aufgenommen hat – auch bei uns durch setzt. Gerade die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen zwingend angepasst werden. Allein mit der Schaffung des Ausbildungsgesetzes ist es nicht getan!

Und nein, das ist kein Pladoyer dafür einen „Notarzt-Light“ zu schaffen oder gar den Notarzt abzuschaffen.  Es macht einfach in vielerlei Hinsicht Sinn, das rettungsdienstliche Personal gemäß seiner Ausbildung und Leistungsfähigkeit einzusetzen und auch weiterzuentwickeln. Im Interesse des Patienten und der Qualität der präklinischen Notfallmedizin.

 

* natürlich sind beide Geschlechter gemeint!

Wie immer bei uns gibt der Artikel die Meinung des Autors wieder. Es ist weder eine abschließende, juristische Bewertung noch Handlungsempfehlung. Es zeigt die aktuelle Situation sowie Zukunftsoptionen nach Einschätzung des Autors auf.

Quellen:

http://rechtsanwalt-keipke.de/download/Arztvorbehalt.pdf

http://www.gesetze-im-internet.de/notsang/index.html

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Pit Crew & High Performance CPR

Etwa 80.000 bis 100.000 Menschen erliegen jedes Jahr in Deutschland einem sogenannten „plötzlichen Herztod“. Im Schnitt liegt die Überlebensrate in Deutschland bei Herzstillstand und anschließender CPR zwischen 10 und 20 Prozent (1). Voraussetzung für eine Steigerung der Überlebensrate ist unter anderem

  • bessere Breitenausbildung
  • Steigerung der Laienreanimation
  • frühzeitige Defibrillation (Laien u. First-Responder AED)
  • konsequente Anwendung der Telefonreanimation
  • Verkürzung der Eintreffzeiten First Responder und Rettungsdienst
  • Verbesserung der postROSC-Therapie im Rettungsdienst sowie den Kliniken

Aber selbst unter Verwirklichung der oben aufgeführten Punkte sind wir im Rettungsdienst gefordert unser eigenes Tun und Handeln in Bezug auf die Reanimation stets weiter zu verbessern. Dies kann und muss bereits auch heute unabhängig von den weiteren Voraussetzungen erfolgen. In den letzten Jahren haben sich in diesem Zusammenhang zwei Begriffe in den notfallmedizinischen Sprachgebrauch eingeschlichen:

  1. Pit Crew CPR
  2. High Performance CPR

Oftmals werden beide Begriffe in einen Topf geworfen obwohl hinter beiden verschiedene Konzepte stecken und sie nur kombiniert den perfekten Vorteil für ein besseres Outcome des Patienten bieten.

Pit Crew CPR

Beim Eintreffen des Rettungsteams herrscht im Falle einer Reanimationssituation in der Regel erst einmal Hektik und evtl. auch Chaos. Diese Hektik sowie das Chaos zu ordnen ist der Ansatz des Pit Crew CPR Trainings. Der Name entspringt einfach dem Training und Arbeiten der Pit Crews bei Autorennen. Die Situation eines Boxenstops ist annähernd vergleichbar. Auch hier müssen mehrere Personen verschiedene Aufgaben in kürzester Zeit fehlerfrei und mit möglichst wenig zeitlichem Leerlauf erledigen. Dies ist machbar; in der Formel 1 inzwischen in unter 2 Sekunden. Voraussetzung hierfür ist

  • eine klar vorgegebene Aufgabenzuweisung
  • eine klar vorgegebene Positionszuweisung
  • stetes Training der Handlungsabläufe unter Berücksichtigung der zwei vorgenannten Punkte

Pit Crew CPR bedeutet also, die Handlungsabläufe eines jeden Einzelnen im Team vorab zu trainieren und eine gewisse Choreographie in den gesamten Ablauf zu bekommen. Der daraus resultierende Vorteil ist eine zeitliche Verkürzung der einzelnen Handlungsabläufe durch deren Fluss sowie Wegfall eventueller Verzögerungen durch Missverständnisse.

Einen guten Vortrag zum Thema Pit Crew CPR findet ihr im folgenden YouTube Link, aufgezeichnet auf der National First Responder Conference 2016 in Irland:

High Performance CPR

Der Begriff High Performance CPR zielt mehr auf die Performance der Herzdruckmassage und somit der Verringerung der now-flow time ab (2).Im Grunde genommen setzt sie einfach eine perfekte Umsetzung der BLS CPR voraus. Pausen bei der Herzdruckmassage und daraus resultierender now-flow ist eine der Hauptursachen für das Misslingen einer Reanimation. Im Wesentlichen kommt es also bei HP-CPR auf folgende Punkte an:

  • perfekte Druckfrequenz
  • richtige Drucktiefe und gute Entlastung
  • richtige Beatmungsfrequenz (keine Hyperventilation!)

Hilfreich zur Kontrolle der beiden ersten Punkte kann eine CPR Feedback Device sein. Aber auch das Abstellen verschiedener Angewohnheiten welche zu einer Verlängerung der now-flow time führen ist Voraussetzung für die Durchführung einer wirklichen HP-CPR. Hierzu gehören:

  • Verbringen des Patienten in den RTW um diesen aus öffentlichem Blickfeld zu entfernen
  • frühzeitige Intubation mit Unterbrechung der CPR
  • lange prä-/post Schock Pausen (Defi vorladen, keine unnötige Pulskontrolle nach Defibrillation)
  • lange Pause bei Anlage mCPR Gerät (evtl. in zwei Schritten anlegen, nicht länger als 10 sek. CPR Unterbrechung)

All diese oben genannten Punkte wirken sich negativ auf eine Reanimation durch Unterbrechung der Herzdruckmassage und somit einer einigermaßen vernünftigen Zirkulation aus. Diese, durch eine stete und ohne lange Pause durchgeführte CPR ist jedoch Voraussetzung für einen Erfolg (2).

Auch eine Messung bzw. Kontrolle sowie das Interesse einer Verbesserung der „Performance“ ist grundlegender Bestandteil dieses Konzeptes. Hierzu ist ein gewisses Vertrauen sowie eine enge Zusammenarbeit von Mitarbeitern und Management der durchführenden Rettungsdienstorganisation Voraussetzung.

Die Zusammenführung beider Konzepte wäre also das Ideal für den Ablauf einer Reanimation. Das Training für die Pit Crew CPR setzt ein wiederholtes Trainieren der Abläufe, am Besten zusammen incl. der beteiligten Notärzte voraus. Die Einführung eines Teamleaders welcher nicht in die aktive Handlung der Reanimation eingebunden ist sondern eine Kontrolle- und Ansagefunktion für durchzuführende Maßnahmen und Kontrollen hat ist ebenfalls hilfreich. Der Teamleader muss übrigens nicht der Notarzt sein!


(1) Wiederbelebung in Deutschland – Zahlen u. Fakten (Ein Leben retten – 100 Pro Reanimation) Merkblatt abgerufen 20.04.2017

(2) Christenson, Jim et al. “Chest Compression Fraction Determines Survival in Patients with Out-of-Hospital Ventricular Fibrillation.” Circulation 120.13 (2009): 1241–1247. PMC. Web. 20 Apr. 2017.