„17 Jahr, blondes Haar….“ Dieses Lied ist dem ein oder anderen sicher noch aus vergangenen Tagen bekannt. Bei uns im medizinischen Bereich müsste der Refrain jedoch eher lauten „17 Jahr, graues Haar…“. So lange und noch länger dauert es oftmals bis medizinische Errungenschaften und Erkenntnisse in der breiten Masse der Anwender angekommen und umgesetzt werden (1).

In einer Zeit, die durch immer schnellere Taktung gekennzeichnet ist, ist dies eigentlich sehr bedenklich. Vor allem wenn man die in dieser Zeit auch wachsenden Möglichkeiten der „knowledge translation“ mit berücksichtigt, dann ist das nicht mehr akzeptabel. Es stellt sich also die Frage: Gehen wir noch den richtigen, zeitgerechten Weg um unseren Wissenstand auf dem Laufenden zu halten? Nutzen wir alle Möglichkeiten, und welche Vor- aber auch Nachteile sind in den einzelnen verborgen?

Sind wir also mit der Wissensvermittlung und der Erarbeitung des nötigen Wissens noch „up to date“?

Das auch heute noch gängigste Medium zur Wissensvermittlung dürfte das Lehrbuch darstellen. Es hat den Vorteil eine Vielzahl von Themen bzw. Informationen mehr oder weniger kompakt zusammenfassen zu können. Die Nachteile liegen in der, je nach Größe, schlechten Transportmöglichkeit (nicht alle Bücher werden im eBook Format angeboten oder machen als solches Sinn); vor allem aber oftmals in den hohen Kosten und der großen Gefahr dass bereits bei Erscheinen veraltetes Wissen beinhaltet ist. Für mich machen Bücher vor allem dann Sinn wenn es um statisches Wissen (z. B. Anatomie, Physiologie) geht und viel Bebilderung notwendig ist.

Etwas flexibler und vor allem auch aktueller gestaltet sich der Informationserwerb mittels Fachjournals. Mit diesem Medium ist zumindest meist die Aktualität gewahrt. Ein weiterer Pluspunkt ist das oftmals erfolgte Peer Review welches eine gewisse Qualität der Inhaltsaussagen garantieren soll. Auch erschlägt einen nicht die Fülle an Informationen da oftmals der Inhalt des für sich gewählten Journals auf die eigene Fachrichtung ausgelegt ist. Hier ist aber auch einer der Nachteile verborgen. Das „über den Tellerrand schauen“ in andere Fachrichtungen kommt hierbei meist zu kurz: gerade in der Notfallmedizin aber eine wichtige Komponente. Das Abonnieren mehrer Journals wäre eine Lösung. Sie wird aber meist auf Grund zweier Punkte nicht genutzt. Zum einen schlägt ein einigermaßen gutes und aussagekräftiges Journal mit einem erheblichen Jahrespreis zu Buche – es entstehen also immense Kosten bei Mehrfachabos. Zum zweiten sind nicht alle Artikel in allen abonnierten Journals genau das was man gerade lesen möchte oder zeitlich auch noch bewerkstelligen kann. Eine Lösungsmöglichkeit wäre einzelne Artikel von Interesse aus Journals online zu lesen. Ist man allerdings nicht in Besitz eines Institutzuganges wird auch hier die finanzielle Seite relativ schnell die Grenzen aufzeigen, werden doch für den Download einiger PDF-Artikel oftmals mehr als 30 € fällig.

Was also tun um wirklich „up to date“ zu sein und dann auch zu bleiben – ohne dazu Massen an Papiergewicht mit sich herum zu schleifen sowie einen großen Anteil seines Jahreseinkommens in den Erwerb von Literatur zu stecken?

Warum nutzen wir im Zeitalter von Computern und sozialen Medien nicht viel breiter diese Möglichkeiten der Wissensvermittlung bzw. des Wissenserwerbs? Und versuchen damit die Verbreitungsdauer aktueller medizinischer Standards und Neuigkeiten nicht etwas von diesen 17 Jahren zum Besseren zu bewegen? Welche Möglichkeiten gibt es denn eigentlich und wo lauern eventuell auch Gefahren?

Das Internet bietet mit seiner weltweiten Verknüpfung mannigfaltige Möglichkeiten der medizinischen Fort- und Weiterbildung. Neben Artikeln aus oben bereits erwähnten Fachjournals – welche heute teilweise auch als open access (kostenlos für jedermann zugänglich) zur Verfügung stehen – sind vor allem folgende Angebote interessant…

  • Twitter (z. B. Folgen natürlicher Personen oder Hashtags wie #dasFOAM, #FOAMed, #FOAMems, #FOAMcc u. a.)
  • Facebook
  • Youtube oder Vimeo Kanäle
  • Blogseiten

Die Vorteile liegen vor allem in der ständigen Verfügbarkeit durch Abruf dieser Angebote. Auch was die Aktualität angeht ist man hier meist auf der besseren Seite. So waren z. B. die letzten Aktualisierungen der ILCOR oder Sepsis Guidelines bereits Minuten nach der Veröffentlichung über Twitter und andere soziale Medien verbreitet und zum Download verfügbar. Noch aktueller geht es eigentlich nur via eines Live Stream von einer Studienveröffentlichung: vor kurzem beispielsweise beim ADRENAL-Trial der Fall.

Der Nachteil liegt in der Tatsache, dass bei persönlich veröffentlichten Blogposts, Tweets oder anderem ein klassischer Peer Review fehlt, und somit die vorhandene Evidenz hinter der Aussage bzw. deren Gewichtung mit Vorsicht zu genießen ist.

Aber…. selbst dieser Nachteil kann zum Vorteil werden, wenn man sich bemüht eben diese Evidenz durch Recherchen und Meinungen anderer Autoren zu bestätigen oder zu widerlegen. Bekanntlich gehört ja eben auch ein solches, tieferes Befassen mit der jeweiligen Materie, zum Lernprozess.

Geben wir also dem Internet die Chance uns in der Weiterentwicklung und dem Updaten zu unterstützen und nutzen dessen Aktualität, Kostenfreiheit und weltweite Verknüpfung. Auch was den Austausch unter den einzelnen Berufsgruppen Arzt, Rettungsdienst, Pflege u. a. angeht.

Letztendlich sollte die Frage also nicht lauten „welches Medium nutzen wir…“ sondern „welches Medium nutzen wir zu welchem Zweck…“. Auf jeden Fall gibt es heutzutage eigentlich keine Ausrede dafür dass wir zur Verbreitung einer neuen Leitlinie oder Maßnahme 17 Jahre benötigen! Zumindest was deren mediale Verfügbarkeit angeht: andere Punkte sind dann eher im Persönlichen oder Organisatorischen zu suchen.

Dies betrifft übrigens nicht nur das ärztliche Personal. Auch für den nichtärztlichen Personenkreis in der Notfallmedizin sowie im Rettungsdienst sind die Angebote der sozialen Medien sehr gut und weit verbreitet nutzbar. Ein interessanter Artikel von Alan Batt (2) ist hierzu vor kurzem im open access Format erschienen und abrufbar.

Ach ja, bevor ich es vergesse… Natürlich  dürfen die Fachkongresse nicht vergessen werden, wenn man über die Möglichkeiten der Wissensvermittlung spricht. Hier darf mit annähernder Aktualität der Themen gerechnet werden und es bietet sich vor allem die Möglichkeit des Austausches mit Fachkollegen/-innen. Ein gutes Netzwerk in diesem Umfeld bietet ja auch einen gewissen Lerneffekt, wenn man es hierzu nutzen will. Es sei jedoch darauf hingewiesen dass man sich im Vorfeld die Themen und auch Referenten eines Kongresses gut zu Gemüte führen sollte. Gerade was den Bereich Notfallmedizin angeht, muss nicht immer der höchstrangige Dozent auch der beste Wissensvermittler sein. Tägliche Praxis und Erfahrung sind gefragt. Und nutzen Sie bitte auch hier die sozialen Medien; twittern Sie direkt aus dem Hörsaal interessante und relevante Neuigkeiten. Die #FOAM Bewegung wird es Ihnen danken und schneller kann „knowledge translation“ kaum von statten gehen.


(1) Morris ZS, Wooding S, Grant J. The answer is 17 years, what is the question: understanding time lags in translational research. Journal of the Royal Society of Medicine. 2011;104(12):510-520. doi:10.1258/jrsm.2011.110180.

(2) Mason, Paige & Batt, Alan. (2018). #FOAMems: Engaging paramedics with free, online open-access education. Journal of Education and Health Promotion. 7. 10.4103/jehp.jehp_84_17. 

Posted by J. Gollwitzer

Notfallsanitäter, Certified Critical Care Paramedic, Krankenpfleger Arbeitet derzeit im Intensivtransport

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