Egal ob in der Klinik oder im Rettungsdienst: mit der Feststellung, es wäre ruhig, macht man sich kaum Freunde. Weit verbreitet ist die Sorge, solche Aussagen könnten Einsätze oder größere Patientenzahlen provozieren. Diese Hypothese wird zwar meistens mit einem Augenzwinkern betrachtet, aber wer kennt es nicht, dass die Rettungsstelle aus allen Nähten platzt oder ein Einsatz dem nächsten folgt, kurz nachdem jemand die Worte „heute ist es aber ruhig“ ausgesprochen hat. @CRBrookfield, @PPJPhillips und @robshorten haben sich die Frage gestellt, inwieweit diese Aussage noch mit dem Grundsatz der evidenzbasierten Medizin vereinbar ist und das Ganze in der Weihnachtsausgabe des BMJ untersucht. Sie widmeten sich in einer randomisierten kontrollierten non-inferiority Studie der Hypothese, dass das Aussprechen, es wäre ruhig („Quiet“) signifikanten Einfluss auf die Arbeitsbelastung im klinischen Umfeld hat.

Durchgeführt wurde die Studie in der Mikrobiologischen Abteilung des Royal Preston Krankenhauses in Großbritannien. Dazu wurde in den Räumlichkeiten der Abteilung zwischen 8 und 9 Uhr entweder der Text „Heute wird es ruhig sein“ (“Today will be a quiet day”) verlesen oder den gesamten Tag auf das Wort „ruhig“ (“Quiet“) in jeglichem Kontext verzichtet. Mitarbeiter an Außenstellen wurden telefonisch informiert. Dieser Aufbau wurde an insgesamt 61 Tagen wiederholt. Dabei wurde an 29 Tagen die Aussage „Heute wird es ruhig sein“ getätigt und 32 Tagen als Kontrollgruppe auf das Wort „ruhig“ verzichtet.

F1.largeErfasst wurden klinisch relevante Telefonate und erstellte Befunde zwischen 9 Uhr morgens und 8:59 Uhr des Folgetages. An Tagen, an denen die Aussage „Heute wird es ruhig sein“ ausgesprochen wurde, kam es im Mittel zu 144.9 Telefonaten oder Befunden, während es an Tagen, an denen komplett auf das Wort verzichtet wurde, nur durchschnittlich 139.0 dieser Vorgänge gab. Daraus ergibt sich eine Differenz von 5.9 (95% Konfidenzintervall: −12.9 bis 24.7). Damit konnte die vorher festgelegte Nullhypothese angenommen werden, dass das Aussprechen von „Heute wird es ruhig werden“ nicht zu mehr als 30 zusätzlichen Vorgängen führt.

Die Ergebnisse zeigen also, dass auf die Aussage „heute wird es ruhig werden“ keine signifikant erhöhte Arbeitsbelastung folgt. Allerdings geben die Autoren einige Limitierungen der Studie zu bedenken:

Zunächst konnte nicht kontrolliert werden, ob Mitarbeiter oder Patienten in anderen Bereichen des Krankenhauses das R-Wort aussprechen und damit unentdeckt Einfluss auf die Ergebnisse der Studie genommen haben. Des Weiteren wurde die Visite der Mikrobiologen aus der Studie ausgeklammert, obwohl auch diese eine Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter darstellt. Störfaktoren wie schwarze Katzen, gesprungene Spiegel und Elstern konnten die Autoren ebenso wenig ausschließen.

Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass wir durch Einschränkungen der Wortwahl im Gesundheitswesen wohl kaum eine Verringerung der Arbeitsbelastung erzielen können. Viel mehr müssen andere Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitssituation ergriffen werden. Demnächst wollen sie sich den Fragen widmen, ob ein Hufeisen vor Isolationszimmern die Übertragung resistenter Erreger verhindern kann, ein Hasenfuß im OP die postoperative Wundinfektion verringert oder eine Berührung durch Mitglieder der Königsfamilie TBC heilt. Letzteres ist natürlich für uns in Deutschland kaum replizierbar.

Es bleibt kritisch zu prüfen, ob sich diese Ergebnisse aus der Mikrobiologie auch in anderen Abteilungen des Krankenhauses und dem präklinischen Bereich bestätigen. Außerdem ist nicht sicher, ob sich Ergebnisse zu dem englischen Wort „Quiet“ auch ohne weiteres auf das deutsche Wort „Ruhig“ übertragen lassen. Dennoch scheint es wahrscheinlich, dass verbale Äußerungen zur Auslastung eines klinischen Bereiches keinen Einfluss auf die Arbeitsbelastung haben.

Für Interessierte ist auch die im letzten Jahr publizierte randomisierte kontrollierte PARACHUTE Studie zu empfehlen. Diese konnte zeigen, dass Fallschirme beim Sprung aus Flugzeugen keine signifikante Erhöhung der Überlebensrate bringen.

Danke @zirkus_kind für die orthographische Unterstützung!

-Artikel: Brookfield Charlotte R, Phillips Patrick P J, Shorten Robert J. Q fever—the superstition of avoiding the word “quiet” as a coping mechanism: randomised controlled non-inferiority trial BMJ 2019; 367 :l6446  (This is an Open Access article distributed in accordance with the Creative Commons Attribution Non Commercial (CC BY-NC 4.0) license)

-Beitragsbild: Licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license. Attribution: http://www.cgpgrey.com

 

Posted by Conrad

Medizinstudent, Sanitäter, Rettungsschwimmer und Katschutz Gruppenführer

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