Das ist die Meldung, die ich auf meinem Pieper sehe. OK, denke ich, schön. Zwei Polytraumata. Klassisch, einfach, gut – Primärversorgung und ab in die Rettungsstelle und – Schockraum. Bread & butter, sozusagen. Bei der Anfahrt mit dem NEF sieht man den zerstörten PKW. Ups…, sieht nicht gut aus… Vielleicht doch eher zwei Tote? … nicht mehr so witzig.

Als ich dann aus dem NEF aussteige und zum Einsatzleiter der Feuerwehr gehe, der schon da ist, sagt er mir, die beiden Verletzten seien schon im RTW. Hm, komisch, denke ich, jetzt bin ich aber wirklich mal gespannt, wie die aussehen und steige in den RTW.

Dort sind zwei junge Männer, der Eine liegt auf der Trage, es wird gerade durch die RTW – Besatzung der Blutdruck gemessen. Der Andere sitzt auf einen der Klappsitze und schaut mich an. Ich stelle mich vor: „ Guten Tag, ich bin der Notarzt, Dr. Unger“ und ich frage: „Was ist denn passiert?“ Es stellt sich heraus, die beiden hatten Glück: Bei einem Überholmanöver auf der engen Bundesstraße ist plötzlich Gegenverkehr aufgetaucht. Schockschwere Not. Der Versuch, wieder auf die rechte Spur zurück zu kommen, führte zum Schleudern des Wagens, so dass sie sich mehrfach um die eigene Achse drehten und rückwärts gegen den Baum geprallt sind. Anschließend haben sie sich abgeschnallt und konnten aus dem Wrack steigen. Dem Einen täte die linke Schulter weh… Ich bin sprachlos. Was mache ich jetzt mit den Beiden? Klar, ABCDE, Vitalparameter, Bodycheck. Ist alles in Ordnung und im Normbereich. Wie schwere Polytraumata escheinen die mir nicht gerade. Und jetzt? Ins Krankenhaus, einmal durchchecken. Soll ich den Schockraum aktivieren lassen, für zwei unverletzte Unfallopfer? Das ganze Team runterbestellen, Alarm machen und alle Kollegen von ihrer Arbeit abhalten? Oder setze ich die Beiden in den RTW und lasse sie gemütlich in die Rettungsstelle bringen? Diese Fragen stellt man sich immer mal wieder, wenn man präklinisch unterwegs ist und vor allem muss man sich ständig in der Rettungsstelle rechtfertigen. Entweder dafür, dass man einen Voralarm ausgelöst hat oder eben nicht. Wenn es also nicht eindeutig ist, also kein klinisches Polytrauma vorliegt mit hämorrhagischem Schock, fehlenden Gliedmaßen, Intubationspflichtigkeit oder einem der anderen harten Kriterien der S3 Leitlinie, wie gehe ich dann vor?

Da ich jetzt schon die die S3- Leitlinie Polytrauma erwähnt habe – ich persönlich halte mich strikt daran:

Bildschirmfoto 2017-07-13 um 08.23.31

Geschwindigkeitsdelta 80 km/h – Indikation zur Schockraumversorgung also. Ich verteile die Beiden auf zwei RTW, fahre bei dem mit den Schulterschmerzen mit und melde uns für den Schockraum an.

Warum mache ich das?

Man kommt natürlich damit immer wieder in den Konflikt der Übertriagierung. Die prädiktiven Werte für die Unfallmechanismen, um eine schwere Verletzung vorherzusagen, sind nicht gut. Viele dieser Patienten, die auf Grund der Zusatzkriterien im Schockraum versorgt werden, sind keine echten Polytraumata. Es können aber trotzdem Schwerverletzte dabei sein, was vor Ort ggf. nicht erkannt wird oder erkannt werden kann. Des Weiteren sind Leitlinien Leilinien. Man kann davon abweichen, man muss es nur begründen. Das muss man dann im Zweifeslfalle auch gut können. Und zum Dritten: Schockraum-Training unter Real- Bedingungen. Muss man einfach mal so sagen. Es schadet dem Schockraum-Team nicht, auch dann Patienten nach Schockraum- Kriterien zu versorgen, wenn sich am Schluss herausstellt, dass keine schweren Verletzungen vorliegen. Das nächste echte Polytrauma wird von der Performance profitieren.

In diesem Fall stellt sich heraus – nach der Schockraumversorgung mit allen Fachdisziplinen, FAST Sono, Röntgen, Labor, etc: Der eine Patient hat eine Schlüsselbeinfraktur und bleibt stationär, der andere ist komplett unverletzt und geht gegen ärztlichen Rat nach Hause. Glück gehabt, würde ich sagen.

Ein ganz normaler Notarzt-Einsatz also.

http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/012-019l_S3_Polytrauma_Schwerverletzten-Behandlung_2017-03.pdf

Veröffentlicht von Joachim Unger

[@xaqu1n] Global health & european Anesthesist. Emergency medicine & prehospital care. Lost in structured communication & dreaming of story telling. #FOAMed #dasFOAM

5 Comments

  1. Bei uns in der Gegend gibt es etwas, das sich Schockraum B oder kleiner Schockraum nennt, der dann aktiviert wird, wenn nur die Kriterien erfüllt sind, der Patient aber leicht- bis unverletzt erscheint. Die Notaufnahme ist dann informiert, der Chirurg steht mit Sonografiegerät bereit, der Patient wird direkt untersucht und ggf. kann die „Alarmstufe“ erhöht werden.
    Dies ist meiner Meinung nach ein ganz guter Kompromiß zwischen Ressourceneinsatz und Patientensicherheit. So ist gewährleistet, daß der Patient sofort gesehen und nicht zufällig nach Stunden verblutet an der Milzruptur im Wartebereich gefunden wird. So wird meiner Meinung nach auch die Hemmschwelle für den Rettungsdienst gesenkt, den Schockraum zu aktiveren, wenn der Patient (scheinbar) nichts hat, es aber eben diese Leitlinien gibt. Besonders dann, wenn die RTW-Besatzung ohne Notarzt am Unfallort ist.
    Wichtig ist doch wohl, daß solche Patienten/Betroffenen eben sofort gesehen werden. Aus der Sicht des“nicht-akademischen“ Rettugnsdienstlers scheint mir das eine bedenkenswerte Variante zu sein.

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  2. J. Gollwitzer 29. Juli 2017 um 16:04

    Und nun die Masterfrage 🙂
    Auf welche Verletzung kann ein in die linke Schulter übertragener Schmerz hinweisen und wie heißt dieses Zeichen?

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  3. Kehrzeichen, an die Milz denken….

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  4. Lieber Joachim, danke für den kurzen und pointierten Beitrag. Die S3-Leitline lohnt sich zu kennen:) Was noch nicht so sattelfest und strukturiert Eingang in die Leitlinie gefunden hat, ist – das muss ich ja jetzt sagen – der präklinische Ultraschall. Gerade im Hinblick auf diese spezielle Situation kann (muss aber nicht) ein eFAST-Scan helfen, die Situation zu beurteilen und das weitere Management zu dirigieren. Gibt natürlich viele wenns und abers; dennoch:
    die Geräte werden immer verfügbarer, die Lernkurven sind steil, willige (und trainierte) Anwender*Innen nehmen zu, ebenso die Trainingsmöglichkeiten.

    Bin gespannt auf eure Erfahrungen…

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  5. Susanne Drescher 31. Juli 2017 um 9:02

    Ganz klar bei so einem lädierten Auto das leitliniengerechte Programm fahren. Ein Polytrauma ist solange ein Polytrauma, bis das Gegenteil bewiesen ist!Ich habe vermeintlich unverletzte gesehen, die hatten Becken# und Dens Axis#. Standen rauchend neben PKW der nur “ Minibeule“ hatte. Ich bin froh, dass ich beide als Polytrauma angemeldet hatte. Man vergibt sich nichts!Safety First!

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