Monat: April 2017

#FOAM deutschPrähospital

Pit Crew & High Performance CPR

Etwa 80.000 bis 100.000 Menschen erliegen jedes Jahr in Deutschland einem sogenannten „plötzlichen Herztod“. Im Schnitt liegt die Überlebensrate in Deutschland bei Herzstillstand und anschließender CPR zwischen 10 und 20 Prozent (1). Voraussetzung für eine Steigerung der Überlebensrate ist unter anderem

  • bessere Breitenausbildung
  • Steigerung der Laienreanimation
  • frühzeitige Defibrillation (Laien u. First-Responder AED)
  • konsequente Anwendung der Telefonreanimation
  • Verkürzung der Eintreffzeiten First Responder und Rettungsdienst
  • Verbesserung der postROSC-Therapie im Rettungsdienst sowie den Kliniken

Aber selbst unter Verwirklichung der oben aufgeführten Punkte sind wir im Rettungsdienst gefordert unser eigenes Tun und Handeln in Bezug auf die Reanimation stets weiter zu verbessern. Dies kann und muss bereits auch heute unabhängig von den weiteren Voraussetzungen erfolgen. In den letzten Jahren haben sich in diesem Zusammenhang zwei Begriffe in den notfallmedizinischen Sprachgebrauch eingeschlichen:

  1. Pit Crew CPR
  2. High Performance CPR

Oftmals werden beide Begriffe in einen Topf geworfen obwohl hinter beiden verschiedene Konzepte stecken und sie nur kombiniert den perfekten Vorteil für ein besseres Outcome des Patienten bieten.

Pit Crew CPR

Beim Eintreffen des Rettungsteams herrscht im Falle einer Reanimationssituation in der Regel erst einmal Hektik und evtl. auch Chaos. Diese Hektik sowie das Chaos zu ordnen ist der Ansatz des Pit Crew CPR Trainings. Der Name entspringt einfach dem Training und Arbeiten der Pit Crews bei Autorennen. Die Situation eines Boxenstops ist annähernd vergleichbar. Auch hier müssen mehrere Personen verschiedene Aufgaben in kürzester Zeit fehlerfrei und mit möglichst wenig zeitlichem Leerlauf erledigen. Dies ist machbar; in der Formel 1 inzwischen in unter 2 Sekunden. Voraussetzung hierfür ist

  • eine klar vorgegebene Aufgabenzuweisung
  • eine klar vorgegebene Positionszuweisung
  • stetes Training der Handlungsabläufe unter Berücksichtigung der zwei vorgenannten Punkte

Pit Crew CPR bedeutet also, die Handlungsabläufe eines jeden Einzelnen im Team vorab zu trainieren und eine gewisse Choreographie in den gesamten Ablauf zu bekommen. Der daraus resultierende Vorteil ist eine zeitliche Verkürzung der einzelnen Handlungsabläufe durch deren Fluss sowie Wegfall eventueller Verzögerungen durch Missverständnisse.

Einen guten Vortrag zum Thema Pit Crew CPR findet ihr im folgenden YouTube Link, aufgezeichnet auf der National First Responder Conference 2016 in Irland:

High Performance CPR

Der Begriff High Performance CPR zielt mehr auf die Performance der Herzdruckmassage und somit der Verringerung der now-flow time ab (2).Im Grunde genommen setzt sie einfach eine perfekte Umsetzung der BLS CPR voraus. Pausen bei der Herzdruckmassage und daraus resultierender now-flow ist eine der Hauptursachen für das Misslingen einer Reanimation. Im Wesentlichen kommt es also bei HP-CPR auf folgende Punkte an:

  • perfekte Druckfrequenz
  • richtige Drucktiefe und gute Entlastung
  • richtige Beatmungsfrequenz (keine Hyperventilation!)

Hilfreich zur Kontrolle der beiden ersten Punkte kann eine CPR Feedback Device sein. Aber auch das Abstellen verschiedener Angewohnheiten welche zu einer Verlängerung der now-flow time führen ist Voraussetzung für die Durchführung einer wirklichen HP-CPR. Hierzu gehören:

  • Verbringen des Patienten in den RTW um diesen aus öffentlichem Blickfeld zu entfernen
  • frühzeitige Intubation mit Unterbrechung der CPR
  • lange prä-/post Schock Pausen (Defi vorladen, keine unnötige Pulskontrolle nach Defibrillation)
  • lange Pause bei Anlage mCPR Gerät (evtl. in zwei Schritten anlegen, nicht länger als 10 sek. CPR Unterbrechung)

All diese oben genannten Punkte wirken sich negativ auf eine Reanimation durch Unterbrechung der Herzdruckmassage und somit einer einigermaßen vernünftigen Zirkulation aus. Diese, durch eine stete und ohne lange Pause durchgeführte CPR ist jedoch Voraussetzung für einen Erfolg (2).

Auch eine Messung bzw. Kontrolle sowie das Interesse einer Verbesserung der „Performance“ ist grundlegender Bestandteil dieses Konzeptes. Hierzu ist ein gewisses Vertrauen sowie eine enge Zusammenarbeit von Mitarbeitern und Management der durchführenden Rettungsdienstorganisation Voraussetzung.

Die Zusammenführung beider Konzepte wäre also das Ideal für den Ablauf einer Reanimation. Das Training für die Pit Crew CPR setzt ein wiederholtes Trainieren der Abläufe, am Besten zusammen incl. der beteiligten Notärzte voraus. Die Einführung eines Teamleaders welcher nicht in die aktive Handlung der Reanimation eingebunden ist sondern eine Kontrolle- und Ansagefunktion für durchzuführende Maßnahmen und Kontrollen hat ist ebenfalls hilfreich. Der Teamleader muss übrigens nicht der Notarzt sein!


(1) Wiederbelebung in Deutschland – Zahlen u. Fakten (Ein Leben retten – 100 Pro Reanimation) Merkblatt abgerufen 20.04.2017

(2) Christenson, Jim et al. “Chest Compression Fraction Determines Survival in Patients with Out-of-Hospital Ventricular Fibrillation.” Circulation 120.13 (2009): 1241–1247. PMC. Web. 20 Apr. 2017.

#FOAM international

Bonus- Tickets für dasSMACC

Für alle, bei denen es sich noch nicht rumgsprochen hat: Im Juni startet das grösste Notfall- und Intensivmedizinische Event des Jahres 2017 in Berlin!

Vom 26.-29. Juni findet dasSMACC im Tempodrom in Berlin statt und wer bis jetzt noch keine Tickets hat, dem bietet sich die letzte und einmalige Gelegenheit noch zuzuschlagen

https://www.smacc.net.au/

SMACC bedeutet „Social Media and Critical Care“ und die Konferenz findet zum 4. Mal statt. Es werden alle, die Rang und Namen haben in der Bloggosphere, auf Twitter und Podcasts in Berlin vertreten sein und jetzt schon die therapeutischen Konzepte diskutieren, die dann in 5 Jahren in unseren Lokalblättern erscheinen. Auch der EuSEM kommt da nicht dran und von den deutschen Konferenzen ganz zu schweigen.

Der einzige Harken ist der Preis und der ist happig und orientiert sich mehr am anglo-amerikanischen Raum…

Das Format ist einzigartig und wird auf einer großen Bühne vor 2000 begeisterten Notfallmedizinern und Intensivmedizinern aus aller Welt ein Spektakel darstellen, von dem man später sagen wird: „Und was hast Du gemacht, als SMACC in Berlin war…?“

Kein Powerpoint- Karaokee, kein Rumgestotter, keine Folien mit unleserlichen Graphiken…. Medizinische Weiterbildung 3.0. Und das vor der Haustür.

Also, wer noch kein Ticket hat – letzte Chance!

#FOAM deutsch#FOAM internationalNotaufnahme

New Early Warning Score (Veröffentlicht vom Royal College of Physicians, UK, 2015)

Endlich Frühling. Die Natur erwacht zu neuem Leben. Auch wir haben den sonnigen Tag gestern genutzt und waren im Wald. Wir sahen die massiven Schäden des letzten Winters. Schneebruch. Riesige Äste einfach so abgeknickt. Ja, damals hatten umgestürzte Bäume ganze Straßen blockiert und die Straßen waren spiegelglatt. Diese Nacht im letzten Winter war auch wirklich zum Fürchten. Aber zum Glück gab es schon Stunden vorher die Warnungen des Wetterdienstes vor drohendem Unheil …

NEWS NEWS

Was ist der New Early Warning Score ?

Ein standardisiertes Verfahren zur Einschätzung der Schwere akuter Erkrankungen. Es stellt eine dokumentierte Übersicht verschiedener Parameter im zeitlichen Verlauf dar. Das Personal in der Notaufnahme oder auf der Station wird bei vordefinierter Punktzahl auf dem Pieper benachrichtigt und muss reagieren.

NEWS blaue Kreise

Warum sollte ich den Score benutzen ?

  • für einheitliche Entscheidungen
  • für die Ausbildung
  • für Audits (Wirksamkeit von Maßnahmen, Qualität der Versorgung, Ergebnis)
  • für die Planung der menschlichen Ressourcen

 Wo wird der Score verwendet ?

  • Im Krankenhaus
  • Im Rettungsdienst
  • In der Ambulanz

Was sind die klinischen Parameter ?

o   Atemfrequenz

o   Sauerstoffsättigung

o   Temperatur

o   Systolischer Blutdruck

o   Puls

o   Bewusstseinszustand: Wach. auf Ansprache, auf Schmerzreiz, bewusstlos ( AVPU – alert, voice, pain, unresponsive

Wie sieht die Beobachtungskartei im Original aus?

NEWS obseration chart

Wie kommen die Punkte im Score zusammen?

NEWS score points

Was ist das grundlegende Prinzip des Early Warning Scores ?

Track and Trigger

NEWS track and trigger

Welche Handlung sollte der Score bewirken ?

Gehandelt wird entsprechend dem Score in 3 möglichen Stufen: niedrig, mittel, hoch.

Dabei sollte vor Ort folgendes abgestimmt werden: die Geschwindigkeit / Dringlichkeit der Antwort, wer antwortet, wo der Patient weiter versorgt werden sollte, wie oft das weitere Monitoring stattfinden sollte.

NEWS Trigger tabelle

In einem typischen Großkrankenhaus haben 20 % der Patienten einen Score von 5 und 10 % ≥ 7.

Warum gibt es bestimmte physiologische Parameter, die im Score nicht genutzt werden?

Dies wurde durchdacht, aber:

*Parameter, die keinen nachgewiesenen Einfluss auf den Score haben

Alter, Geschlecht, ethnische Herkunft, Adipositas

*Parameter die nicht bei jedem Patienten wichtig sind: stehen auf der Karteikarte

Schmerz, Urinausscheidung

*Begleiterkrankungen einschließlich Immunsuppression: krankheitsspezifisches Scoringsystem verwenden

*ABER: in der Schwangerschaft sind Frühwarnsysteme weniger verlässlich, um die Schwere der Erkrankung einzuschätzen und sollten deshalb nicht in der Schwangerschaft benutzt werden

Was ist, wenn mein Patient Sauerstoff braucht ?

Bei routinemäßiger Gabe von Sauerstoff über Maske oder Nasenbrille:

  • Verordne Sauerstoff mit Angabe des Zielwertes der Sauerstoffsättigung

Bei COPD mit bekanntem hyperkapnischem Atemversagen:

  • Ziel der Sauerstoffsättigung 88-92 %, Kontrolle der arteriellen Blutgase ( empfohlen von der British Thoracic Society)

Diese könnte zu einem Alarm (orange) führen. Rufe denjenigen, der die Entscheidung treffen kann:  Eskalation der Versorgung ODER keine Eskalation ? Die Entscheidung muss dokumentiert werden.

Was ist mit dem Score bei sedierten Patienten ? 

Man betrachtet den aktuellen Bewusstseinstand im Kontext mit der Sedierung und dokumentiert entsprechend.

Was ist, wenn ich denke, dass der Score über- oder unterschätzt wurde ?

Ein erfahrener Kliniker sollte den Patienten sehen und Rat geben. Die Entscheidung muss dokumentiert und unterschrieben werden.

Was ist, wenn sich mein Patient am Ende seines Lebens befindet ?

Die Entscheidung den Score nicht zu benutzen, sollte mit dem Patienten besprochen und dann dokumentiert werden.

Wie wurde der Score evaluiert ?

“ Das primäre Ergebnis der Analyse war Tod innerhalb von 24 Stunden bezogen auf ein Set von  Beobachtungen. Die Fähigkeit zwischen den Überlebenden und den Nicht-Überlebenden zu unterscheiden, wurde mit der AUROC (area under the receiver-operating characteristics) Kurve ermittelt.

Unter Benutzung der 24 Stunden Mortalität im Krankenhaus innerhalb von 24 Stunden zeigte die AUROC für das New Early Warning System einen Wert von 0.89 an ( 95% Konfidenzintervall: 0.880-0.895). Dies war besser als bei den meisten existierenden Frühwarnsystemen. „

Das ist der New Early Warning Score für Erwachsene. Für Kinder existiert ein eigenes System – dazu später mehr.

Quelle: https://www.rcplondon.ac.uk/projects/outputs/national-early-warning-score-news

#FOAM deutschEKGsNotaufnahmePrähospital

EKG: Bradykardie

Ihr bekommt einen Patienten nach Wohnungseröffnung in die Notaufnahme gebracht. Er war seit 2 Tagen nicht mehr gesehen worden, jetzt haben Nachbarn und Verwandte die Feuerwehr und den Rettungsdienst hin geschickt.

Na, kommt es euch bekannt vor?

Temperatur gibt der Rettungsdienst mit 35,6 an, sonst hämodynamisch stabil bis auf eine Bradykardie von 28/min und einen RR systolisch knapp unter 100 mmHg. Instabil? Fast stabil? Semistabil? Labil? Zufriedenstellend?

Zur sonstigen Vorgeschichte erfahrt ihr noch, dass der Patient einen schädlichen Alkoholgebrauch betreibt und kaum beim Hausarzt anzutreffen ist. Eher beim Späti um die Ecke.

Keine Brustschmerzen, keine Tabletten (vertragen sich ja nur schlecht mit dem Alkohol), keine Ödeme, keine Dyspnoe, nur etwas verlangsamt, aber dennoch kontaktfähig. Also in die Überwachung, und – der Patient ist ja bradykard – mal ein EKG geschrieben.

Das sieht so aus:

hypothermie 1hypothermie

Was wäre unser nächster Schritt?

 

 

 

 

 

Genau, das kennen wir doch schon? Aber würden die ernsthaft den gleichen Fall noch mal bringen?

Vom Pfleger unseres Vertrauens lassen wir folgerichtig noch einmal die Temperatur messen, und siehe da: 27°C Körperkerntemperatur. Der Patient schaut uns entspannt aus seinem Stretcher an, antwortet adäquat und befolgt problemlos Aufforderungen. Subjektiv geht es ihm „gut“. Instabil sieht anders aus.

Aber das ist ja genau der Punkt, das kennen wir von den Empfehlungen bei der Hypothermiebehandlung: solange der Patient einigermaßen stabil ist, klinisch wie paraklinisch z.B. in der BGA, gibt es keinen Grund in Unruhe zu verfallen.

Also, passive Wärmebehandlung wäre unser nächster Schritt. In unserem Fall ließ sich der Patient problemlos und relativ rasch aufwärmen. Und dann geht es an die Umfelddiagnostik. Eine so ausgeprägte Hypothermie würde man sicher zur Überwachung (zumal die ja selten isoliert auftritt) stationär aufnehmen. Beides ist in unserem Fall passiert und der Patient hat es dann lebend überstanden.

Auch in diesem EKG lassen sich die diesmal nicht ganz so hohen J-Wellen darstellen, auch in unserem Fall betont über der Vorderwand, prinzipiell kann es allerdings in allen Ableitungen auftreten. Ähnliche Veränderungen können bei normothermen Patienten  mit KHK oder Perikarditis auftreten, so dass dies in unserem Fall mit in die Differentialdiagnose einbezogen werden müsste. Aber zum Glück ist ja die Messung der Körperkerntemperatur ja eine minimal invasive, ressourcenschonende und rasche Diagnostik, um relativ definitiv zu klären, wie sich die Klinik des Patienten entwickelt hat.

 

 

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#FOAM deutschEKGsIntensivmedizinKlinikNotaufnahme

EKG: nVT im Langzeit-EKG

Es ist Freitag Mittag und natürlich kommen wieder zahlreiche Einweisungen von verschiedenen Haus- und Fachärzten in die Notaufnahme, die man übers Wochenende nicht zuhause lassen kann. Könnte man sich natürlich ärgern.

Macht vermutlich auch der eine oder andere. Aber mal im Ernst, das ist doch genau unser Job: nämlich dann aktiv zu werden, wenn unsere niedergelassenen Kollegen nicht weiter kommen bzw. deren Mittel nicht ausreichen. Wir können (und sollten) es nicht ändern und schon gar nicht uns drüber ärgern. Macht die Arbeit entspannter und ab und an daran zu denken, wie die Lebenswirklichkeiten unserer niedergelassenen Kollegen aus sehen, hilft weiter.

Zurück zur Patientin: Sie ist im Haus bestens bekannt, da sie schon seit langem mehrere Grunderkrankungen hat, die eine regelmäßige stationäre Betreuung im Haus der Maximalversorgung nötig machen. Darunter sind auch seit Jahren unspezifische Schwindel-Episoden, die bisher nicht zu zu ordnen waren.

Bei persistierenden Beschwerden und bekannter Arrhythmie-Neigung mit Herzstolpern wurde dann ein erneutes Langzeit-EKG durchgeführt.

Mit Auswertung wurde die Patientin angerufen, sie müsse sofort in die Notaufnahme fahren, das Langzeit-EKG hätte Dinge gezeigt, die unbedingt und sofort behandelt werden müssten. Was es so genau war, wusste die Patientin nicht. Aber sie hat einen Ausdruck des Langzeit-EKGs mit Einweisung in die Hand gedrückt bekommen: V.a. nVT.

Was machen wir? Genau, wir schauen uns den Befund des EKGs an. (Es laufen immer
2 Ableitungen simultan übereinander, es sind also 4 Zeilen a 2 Ableitungen abgebildet)

nVT_.png

Hilfe, R-auf-T, und dann geht es rund…. zum Glück aber selbstlimitierend und so ungefähr 12-15 Sekunden.

Gut. So weit, so gut, was machen wir jetzt damit?

  • ICD?
  • Betablocker?
  • Amiodaron?
  • Magnesium?
  • Watchful waiting?
  • Expertenrat einholen?

 

 

Gerade letzter Punkt ist nie schlecht, und der Experte, der sich beschwert, dass er dazu gezogen wird, ist vermutlich eh keiner….

Wir schauen uns das EKG noch mal genauer an:

nVT2_.jpg

 

Und jetzt sehen wir: Eigentlich keine VT sondern Artefakte. Die QRS-Komplexe verstecken sich in der „VT“. Auf genauere Nachfrage stellt sich raus: Da hatte die Patientin Geschirr gespült und gerade eine besonders hartnäckige Stelle in der Bratpfanne bearbeitet.

Also: Entlassung nach Hause möglich, auch wenn es das zugrunde liegende Problem der Patientin nicht gelöst hat.

Und der Hausarzt? Hättet ihr mit dem LZ-EKG eingewiesen?

Na klar! Wir haben auch erst mal die Herzenzyme bestimmt, und uns die Patientin genau angeschaut. Das wäre in keiner Praxis mehr sinnvoll möglich gewesen, noch dazu am Freitag.

 

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#FOAM deutschKlinikNotaufnahmePrähospitalPräklinik

Akute Herzinsuffizienz aktuell: Nach den neuen Guidelines 2016

Akute Herzinsuffizienz, oft auch als „kardiale Dekompensation“ bezeichnet, ist eine in der Notaufnahme und im Rettungsdienst sehr häufige Diagnose. Konkret ist Herzinsuffizienz der mit Abstand häufigste Grund für vollstationäre Behandlung in Deutschland (444632 Fälle).
2016 veröffentlichte die European Society of Cardiology (ESC) eine neue Guideline zur akuten und chronischen Herzinsuffizienz.
Was steht da drin – und was ist für uns in der Notfallmedizin relevant?
 
Einteilung der Herzinsuffizienz:
Es gibt eine neue Einteilung in drei Formen der Herzinsuffizienz:
– Herzinsuffizienz mit reduzierter linksventrikulärer Pumpfunktion (Heart failure with reduced ejection fraction HFrEF)
– Herzinsuffizienz mit mittelgradig reduzierter Pumpfunktion (Heart failure with mid range reduced EF HFmrEF) – diese Klasse ist neu!
– Herzinsuffizienz mit erhaltener linksventrikulärer Pumpfunktion, jedoch einer diastolischen Funktionsstörung (Heart failure with preserved EF HFpEF)
Inwiefern ist diese Klassifikation für Notfallmedizin akut relevant? Erst mal gar nicht, jedoch gibt’s in der Guideline auch eine gute Einteilung der akuten Herzinsuffizienz in mehrere Kategorien, je nachdem ob „Stauung“ (95%) oder „Hypoperfusion“ vorliegt – oder beides.
Denn: Herzinsuffizienz ist nicht Herzinsuffizienz!
In der Notfalltherapie lohnt sich differenzierte Behandlung!
Herzinsuff 1
Einteilung in Warm/Kalt/Feucht/Trocken („Warm-feucht“ häufigste Herzinsuffizienz-Variante).
Wie zeigt sich Stauung (95%)?
  • Pulmonale Stauung
  • Orthopnoe, nächtliche Dyspnoe
  • Periphere Ödeme
  • Jularvenenstauung, hepatojugulärer Reflux
  • Lebervenenstauung, Ascites
Wie zeigt sich Hypoperfusion (MUSS nicht Hypotonie heißen, jedoch oft beides vorliegend)?
  • Kaltschweißige Extremitäten
  • Oligurie
  • Verwirrung
  • Schwindel
  • Laktatanstieg, akute Niereninsuffizienz, metabolische Azidose
Welche Diagnostik sollte immer bei V.a. akute Herzinsuffizienz spätestens in der Notaufnahme durchgeführt werden:
– Röntgen Thorax
– 12- Kanal EKG (bereits im Rettungsdienst obligat!)
– Labor (BNP, Trop, TSH, Nierenfunktion/Elyte, Leber)
– Echokardiographie (beim instabilen Patienten sofort; sonst ggf. im stationären Verlauf)
Diagnostik empfohlen je nach Verdachtslage:
– Erweitertes Labor (PCT; D-Dim oder andere zur Differenzierung der Ursache)
– Echo für stabile Patienten
MANAGEMENT:
Generell gilt: Bei respiratorischer Insuffizienz Sauerstoffgabe nach Bedarf, frühzeitig NIV in Betracht ziehen. Der PEEP bei NIV-Beatmung unterstützt nicht nur die Oxygenierung sondern erhöht den intrathorakalen Druck und behandelt die Stauung durch Vorlastsenkung kausal.
Für die prähospitale Gabe von Diuretika gibt es kaum Evidenz, (bzw. sogar eher Evidenz dagegen). Auch in der Notaufnahme muss eine Volumenüberladung gesichert sein, um Diuretika einsetzen können. Mehr zur Differentialdiagnose beim Lungenödem und zum Einsatz von Diuretika hier.
Warm + feucht (typisch normo- oder hypertensiv)
—> primär vorliegende Hypertonie: Vasodilatation, RR-Senkung, Diuretika
—> primär vorliegende Stauung: Diuretika, Vasodilatation, ggf. Ultrafiltration (Dialyse)
Kalt + trocken (Hypoperfusion + Hypovolämie)
—> ggf. Fluid Challenge
—> ggf. Inotrope Medis wenn weiterhin Hypoperfusion
Kalt + feucht = „kardiogener Schock“

—> RR < 90: Inotropika, ggf. um Vasopressor ergänzen

—> RR > 90: Vasodilatation (vorsichtig!), ggf. Inotropika, Diuretika
Herzinsuff 2
Spezifische Ursachen (CHAMP):
Die ESC bietet in der Leitlinie ein schönes Akronym an, um die Ursachenforschung bei akuter Herzinsuffizienz zu strukturieren: CHAMP.
ACS ->Zeitnahe Coro (High Risk, binnen 2h)
Hypertension -> Senkung RR um 25% in den ersten Stunden (Vasodilatation + Diuretika)
Arrhythmien -> Medis (Amiodaron, ggf. Digitoxin bei VHFli), Kardioversion, Pacing
Mechanisches Problem -> Echo! ggf. OP oder Intervention
PAE/LAE -> Heparinisierung, ggf. Lyse nach Guideline
Medikamente:
Diuretika:
– Furosemid 20-40mg iv; bei bereits bestehender Diuretika-Therapie ungefähr selbe Dosis iv.
Vasodilatatoren (Nitroglycerin iv, ISDN):
– iv-Gabe (z.B. Nitroglyzerin)
– sl-Gabe (Nitroglycerin)
Inotropika (Dobutamin, Levosimendan, Milrinon (PDE3)…):

– Bei Zeichen des Schocks
– Levosimendan bei V.a. dass Betablocker Hypotension verstärken
– Parallel Vasopressor zur Vermeidung der peripheren Vasodilatation z.b. bei Dobutamin

Vasopressoren:
– Primär Noradrenalin
Antiarrhythmika bei Vorhofflimmern:
– Digitoxin 0,25-0,5mg Boli und / oder Betablocker
– ggf. Amiodaron
+ Thrombembolie-Prophylaxe (in der stationären Phase)
+ ggf. Morphin / Opiate – alternativ vorsichtig Benzodiazepine
Mechanische Unterstützung
Hier ist in der Klinik das Ziel der mechanischen Unterstützung zu klären: Bridge to transplant/candidate? Brigde to therapy? Bridge to decision? Bridge to recovery?
– IABP kurz zur Stabilisierung zB perioperativ, wird NICHT routinemäßig empfohlen.
– vaECMO (für einige Tage) z.b. als Bridge to decision (Transplant vs LVAD)
Einige Punkte, die eventuell diskussionswürdig sind:
Ultraschall der V.cava wird als Messung für Volumenstatus aufgeführt – auch wenn hier die Publikationslage eher zunehmend kritisch ist (Ultraschall der Cava eher als Messmethode für „Volumentoleranz“, weniger als Volumenbedarf)
Lungenultraschall wird trotz breitem wissenschaftlichem Konsens nur in einem Nebensatz erwähnt, meiner Ansicht sollte das in die Standard-Diagnostik in der Notaufnahme gehören.
– Die neue Dreier-Einteilung der Herzinsuffizienz-Klassifikationen (und die fragliche Konsequenz derselben) wird von einigen Granden der Kardiologie kritisch hinterfragt.
Herzinsuff 3
Fazit:
– Herzinsuffizienz ist eine sehr häufige und relevante Erkrankung.
– In der Akutbehandlung lohnt sich eine Einteilung in verschiedene „Subgruppen“ (Warm+Feucht; Kalt+Trocken, Kalt+Feucht) und differenzierte Behandlung.
– Das Akronym „CHAMP“ hilft bei der Ursachenforschung.

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Dieser Artikel wurde in enger Zusammenarbeit mit Dr. Klaus Fessele verfasst.
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#FOAM deutsch#FOAM internationalFOAM's world

Neues aus FOAM’s world #1

Soziale Medien (SoMe) spielen inzwischen weltweit für die medizinische Weiterbildung eine große Rolle. #dasFOAM möchte ein Teil davon sein. Wir beschäftigen uns damit, frei verfügbare medizinische Lehrinhalte (FOAMed = Free Open Acess Medical EDucation) in Deutschland bekannt zu machen und unserer eigenen Inhalte zu verbreiten. Aus diesem Grund wollen wir in regelmäßigen Abständen auch berichten, welche Themen national und international in der Notfall- und Intensivmedizin als FOAM verfügbar sind und unlängst besprochen wurden. Dazu wollen wir monatlich eine Zusammenfassung von interessanten Podcasts, Blogs oder auch Tweets der jüngere Zeit liefern.

(Für alle, deren Interesse geweckt wurde und denen es bei englischen Podcast zu Beginn zu schnell geht, sei das Abspielen in 0.75-facher Geschwindigkeit empfohlen… Funktioniert andersrum genau so: EMRAP auf deutsch höre ich immer auf 1,7 facher Geschwindigkeit)

EM RAP german Podcast März 2017  Tobias Becker, Christian Hohenstein und Thomas Fleischmann diskutieren in einem sehr unterhaltsamen Format jeweils die letzte englische Ausgabe von EM RAP aus den USA. Für mich war die Vorstellung der PECARN Pediatric Head Injury Rule von besonderem Wert. Diese Entscheidungshilfe über eine cCT Diagnostik oder Überwachung bei SHT bei Kindern schaut zunächst auf die schwere der Verletzung: Bei klinischem Schädelbasisbruch u./o. GCS<15 u./o. Verwirrtheit wird ein cCT empfohlen. Dann unterscheidet sie zwischen Kindern über und unter 2 Jahren. Über 2- jährige sollten stationär überwacht werden, wenn ein schwerer Unfallmechanismus (DGU), starke Kopfschmerzen oder Erbrechen vorliegen oder Bewusstlosigkeit vorgelegen hat. Bei unter 2-jährigen sind Hämatomen am Kopf außer frontal, abnormales Verhalten (Eltern fragen), Bewusstlosigkeit >5 sec und ein schwerer Unfallmechanismus (DGU) Indikatoren zur Aufnahme. Dann gab es unter anderem eine Diskussion über eine Patientin mit Atemnot mit einer Stimmlippen- Dysfunktion, die zu inspiratorischem Verschluss geführt hatte. Interessant, dass zunächst ein CT durchgeführt wurde, anstatt gleich fiberoptisch reinzuschauen. Andere Länder, andere Sitten. Hört es Euch an, immer wieder super. (JU)

EMcrit Scott Weingart Podcast #191 Januar 2017  Nicht der jüngste Podcast vom „Master of Podcasting“ Scott Weingart, aber einmal wieder einer mit viel Stoff zum Nachdenken. Es ging um ein Cardiac Arrest update und Scott ist ja wahrlich ein „Early-adopter“. Manches ist vielleicht nicht direkt umsetzbar, was ich aber mitgenommen habe, sind die Ideen zu Therapieversuchen bei therapiefraktärem Kammerflimmern. So wird vorgeschlagen, einen zweiten Defibrillator anzulegen und synchronisiert zu defibrillieren. Ausserdem könnte mit Esmolol versucht werden, das Kammerflimmer zu terminieren. Ein weiterer Tipp, den ich bei uns in der Abteilung gerne einführen würde,  ist eine Pflegekraft als zusätzlichen Pflege-Teamleader zu etablieren. Diese Person wäre verantwortlich speziell für die Organisation und Zeitabläufe: nur kurze Unterbrechungen der Herzdruckmassage sicher zu stellen und auf die zeitgerechten Puls-Checks beziehungsweise Defibrillationen zu achten. („Noch 30 Sek. bis zum nächsten Schock“). Großartige Ideen. (JU)

St. Emlyn’s Podcast Review März 2017  ist ein britischer Podcast aus Manchester. Ich schätze sehr das verständliche, britische Englisch des Podcasts und die Art und Weise, wie dort Notfallmedizin behandelt wird. Das Spektrum reicht von Einsteigerthemen bis zu Diskussionen aktueller Veröffentlichungen. Diese werden in gut 20 min jeweils sehr verständlich mit den wichtigsten Punkten erklärt und Simon Carley (@EMManchester) hat eine hervorragende, didaktische Fähigkeit, komplexe Prozesse auf das Wesentliche herunterzubrechen. Mit einem weiteren Autoren, Ian Beardsell (@docib) werden in diesem Podcast die Inhalte des St EMlyn’s Blog (http://stemlynsblog.org/) des letzten Monates durchgesprochen, für alle diejenigen, die keine Zeit hatten die Posts zu lesen. Unter Anderem wird das Thema Lyse bei Schlaganfall beleuchtet und ein aktueller Review- Artikel nennt die Number-needed-to-treat (NNT) 21, während die Number-needed-to-harm (NNH) bei 17 sei. Die Number-needed-to-kill (NNKill) sei sogar bei 39. Abhängig vom Alter des Patienten und der Schwere des Schlaganfalles sollte eine gemeinsame Entscheidungsfindung mit dem Patienten zusammen erfolgen, ob eine Lyse durchgeführt werden sollte. (JU)

– FOAMina Post Pre-Ox, Ap-Ox, Con-Ox, Re-Ox: Sauerstoffphysiologie in der peri-Intubationsphase:
FOAMina ist ein österreichischer Blog der größtenteils von Anästhesisten bespielt wird. In diesem Beitrag geht es um das brandaktuelle und wichtige Thema Oxygenierung.  Wie bewahrt man einen Patienten während der Peri-Intubationsphase vor einer kritischen Desaturierung? Stefan Heschl (@stefanheschl) beschreibt neben detaillierten physiologischen Überlegungen unter anderem auch den Einfluss von Muskelrelaxanzien und mit welchen Tricks man die Sauerstoffsättigung auch während der Apnoe noch vor dem Abfall hindern kann (kein Succinylcholin dafür eine Nasenbrille mit hohem Flow) . Spannendes Thema und mit relativ wenig Aufwand auch umsetzbar! (FS)

So, liebe Leserinnen und Leser, wenn Ihr also Freude an den vorgestellten Podcasts und Posts gewonnen habt, schaut doch wieder rein, wenn es nächsten Monat wieder heißt: Neues aus FOAM’s world

 

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